Autor

Fabius Leibrock

Fabius Leibrock hat 10 Artikel veröffentlicht.

Fabius Leibrock
Hey, ich bin Fabius. In meiner Freizeit schreibe ich gerne Artikel für "Der Jungreporter". Bei Fragen, Kritik oder Anregungen kannst du diesen Artikel kommentieren oder uns jederzeit per Kontaktformular erreichen. Klick dich durch unsere Webseite, um mehr Artikel zu lesen.

Von der Lagerhalle auf die Straßen: Der Weg der E-Scooter

in Technik/Welt

Seit Juni dieses Jahres sind E-Roller in Deutschland zugelassen. Seither erobern Sharing-Dienste wie Lime, CIRC oder TIER die Großstädte und stellen tausende elektrifizierte Scooter zur Verfügung, die darauf warten, ausgeliehen zu werden. Wir haben das Berliner Start-up TIER zu einem Interview in Mannheim getroffen.

Der Jungreporter: Ihre E-Scooter gibt es mittlerweile in über 30 Städten auf der Welt, darunter Abu Dhabi und Malmö. Seit wann kann man in Mannheim E-Scooter ausleihen?

Matkovic: In Mannheim sind wir seit Anfang August vertreten. In den ersten drei Wochen haben wir unsere Scooter von 100 auf etwa 1000 Stück erweitert.

Vergrößern

IMG_7020
Haris Matkovic, City Manager von TIER in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: War es für Mannheim bzw. ist es grundsätzlich schwierig, Genehmigungen von den Städten zu erhalten?

Matkovic: Es gibt Vereinbarungen, die man mit Städten trifft, diese sind von Stadt zu Stadt individuell. Wir haben Vereinbarungen mit den Städten Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen, diese sind zumindest mal als “Spielregeln” zu sehen. Es dreht sich um interne Kommunikation, sprich, was wir dürfen und was nicht, was optimal und was suboptimal ist.

Der Jungreporter: Wie viele E-Scooter stellt TIER hier im Großraum von Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg zur Verfügung?

Matkovic: Insgesamt gibt es etwa 1050 Scooter, davon sind 380 in Heidelberg und 550 – 570 in Mannheim und Ludwigshafen.

Der Jungreporter: Innerhalb welcher Grenzen darf ein E-Scooter genutzt werden und was passiert, wenn man diese Grenzen überschreitet?

Matkovic: Es gibt Grenzen. Unseren Geschäftsbereich nennen wir Business Area. Das sind fest definierte Bereiche, die wir in Zusammenarbeit mit einzelnen Städten festlegen. Dort kann man sich mit 20 km/h frei bewegen. Sobald man aus dieser Zone rausfährt, macht der Scooter eine Geschwindigkeitsdrosselung und man bekommt die Meldung “Achtung, ich fahre aus der Business Area raus”. Da ist auch das Abstellen nicht mehr möglich. Sobald der Scooter langsamer wird, ist das ein Signal, dass etwas nicht stimmt.

Der Jungreporter: Welche Akkuleistung haben die E-Scooter? Wie weit kann man mit einem E-Scooter fahren?

Matkovic: Die Scooter fahren etwa 40 km weit. Bei voller Geschwindigkeit maximal zwei Stunden.

Vergrößern

escooterkaputt
Ganz schön kaputt: Das passiert, wenn man zu zweit E-Scooter fährt.

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: In Bussen und Bahnen ist die Mitnahme von Fahrrädern erlaubt. Gilt dies auch schon für E-Scooter oder wird darüber noch diskutiert?

Matkovic: Gute Frage. Ich habe noch keinen gesehen, der einen dabei hatte. Theoretisch müsste es erlaubt sein. Praktisch denke ich zumindest, hätten da einige was dagegen. Der Scooter würde aber sofort piepsen, sobald die Räder sich nicht mehr drehen und der Scooter sich trotzdem bewegt.

Der Jungreporter: Was muss der Nutzer beim Parken bzw. bei der Rückgabe eines E-Scooters beachten?

Matkovic: Wir haben gewisse No Parking Zones. Die sind in der App rot dargestellt. Dort kann man die Scooter nicht abstellen. Das sind Vereinbarungen, die wir mit der Stadt getroffen haben. Das sind meistens öffentliche Parks, Bahnhöfe oder Gebäude, an denen zu viel Laufkundschaft ist und die Stadt nicht möchte, dass dort Scooter stehen. Ansonsten kann man überall in der Business Area die Scooter abstellen.

Der Jungreporter: Wie zufriedenstellend ist die Nachfrage für Sie als alleiniger Anbieter hier in Mannheim? Gibt es an bestimmten Wochentagen Stoßzeiten?

Matkovic: Es gibt Stoßzeiten. Am Wochenende auf jeden Fall, und wenn das Wetter gut ist. Es macht sich dann schon 30% über dem normalen Durchschnitt bemerkbar. Stoßzeiten sind bei uns zwischen 6 und 8 Uhr sowie zwischen 17 und 19 Uhr, wo Menschen zur Arbeit gehen oder die Arbeit verlassen.

Der Jungreporter: Können Sie den Ablauf des Einsammelns und Aufladens kurz erläutern?

Matkovic: Es gibt eine eigene App für jeden Ranger, also den Einsammler. Dort wird genau definiert, welche Scooter zu picken sind. Nachts ab 23 Uhr fährt man raus, nimmt die Scooter mit, die man aufsammeln muss, bringt sie zu uns ins Lager und lädt sie dann auf. Das dauert etwa drei Stunden. Diese bringt man danach an fest definierte Orte, die sogenannten Drop Off Points, zurück auf die Straße. Eine Arbeitsschicht ist dann vorbei.

Vergrößern

IMG_2589
In dieser riesigen Lagerhalle werden die über 1.000 E-Scooter aufgeladen und repariert.

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: Wie behalten Sie den Überblick über Ihre E-Scooter?

Matkovic: Zum Einen muss man täglich mit unseren System arbeiten. Jeder Scooter hat eine eigene ID und ein eigenes GPS-Signal. Das ist tägliche Arbeit, bei der man eine ganze Menge zu tun hat.

Vergrößern

escooter_karte
Mitarbeiter können jeden beliebigen E-Scooter auf den Meter genau zu orten; sei es in Mannheim, Berlin oder Paris. Ein grüner Punkt steht für einen E-Scooter.

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: Wie sieht die Preisgestaltung aus?

Matkovic: Es gibt eine Aktivierungsgebühr von 1 €, danach kostet jede Minute 0,15 €. Die Durchschnittsfahrt liegt bei uns zwischen 12 und 15 Minuten, also ca. 2,50 € – 3 €, damit legt man ca. 2 – 3 km zurück.

Der Jungreporter: Wie schätzen Sie die Akzeptanz der E-Scooter unter der Bevölkerung hier in Mannheim ein? Welches Feedback erhalten Sie?

Matkovic: Jeder in meinem privaten Umwelt ist Fan, ich selbst bin Fan. Jeder, der schon mal E-Scooter gefahren ist, findet es cool und es macht Spaß. Die Medien propagieren ein anderes Bild mit einem kritischen Blick, was okay ist, aber die Meinung ist geteilt. Die ältere Generation kann noch nichts mit Scootern anfangen, die Jüngeren finden das eigentlich ganz cool.

Der Jungreporter: Wie gehen Sie mit kritischen Einwänden um, E-Scooter seien nicht umweltfreundlich?

Matkovic: Jede Meinung ist völlig in Ordnung, es wäre ja langweilig, wenn wir alle das Gleiche denken würden. Kritik ist also völlig in Ordnung. Wir stehen am Anfang von einer Mobilitätswende mit Elektroautos, E-Bikes und auch E-Scootern. Ich würde uns allen ein bisschen mehr Zeit geben. Die Schritte, die wir einleiten, werden eine positive Änderung mit sich bringen. Die Situation, wie wir sie gerade vorfinden, dass wir überhaupt über Klima sprechen müssen, liegt daran, dass wir das so machen, wie wir es gerade machen. Deswegen finde ich es schade, wenn sich Unternehmen oder gewisse Gruppen eine Mission setzen, um diesen Zustand zu ändern, dieses jedoch immer direkt schlecht geredet werden muss. In den nächsten Jahren wird es einige Änderungen geben, auch in unserem Geschäftsbereich, sodass klimapositive Effekte eintreten werden.

Der Jungreporter: Wir im Saarland sind in Bezug auf E-Scooter noch verwaist. Haben Sie vor, im Südwesten zu expandieren und welche Städte stehen dabei ganz oben auf Ihrer Liste?

Matkovic: Wir werden expandieren. Eine Liste mit einzelnen Städten ist noch in Ausarbeitung. Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt für uns. Auch im Saarland wird sicher die ein oder andere Stadt mit E-Scootern versorgt werden.

Der Jungreporter: Welche Rolle werden E-Scooter in 10 Jahren haben?

Matkovic: In 10 Jahren werden wir hochwahrscheinlich nicht mehr die Form an Elektro-Scootern haben. Ich denke, der Verkehr wird sich deutlich ändern. Wir werden weitere Fahrzeuge mit Elektroantrieb haben, vielleicht sogar fliegen können? Ist vielleicht jetzt quatsch, aber der klassische Verkehr wird sich ändern. Es wird nicht nur Autos, Motorräder und Fahrräder geben, es wird weitere Verkehrsmittel geben, die E-Scooter sind der erste Schritt in diese Richtung. Wenn wir das erfolgreich implementiert haben, was wir machen werden, dann werden weitere Fahrzeugtypen folgen. Mittlerweile ist es so, dass auf 1.000 Einwohner 550 Autos registriert sind, das sollte sich ändern. Die Anzahl an Autos wird sich meiner Meinung nach dramatisch ändern.

Der Jungreporter: Vielen Dank für das Interview!

Die nächste Stadt steht schon in den Startlöchern: In Kaiserslautern soll schon in Kürze die nächste E-Scooter Flotte ausleihbar  sein. Wann es bei uns im Saarland soweit sein wird, steht noch nicht fest. Wir halten euch auf dem Laufenden!


quick.reports – Jeden zweiten Sonntag auf Instagram!

Neue Mobilfunkgeneration 5G – Interview mit Oliver Luksic

in Internet/Welt

Im Juni wurden Mobilfunklizenzen für die neue fünfte Mobilfunkgeneration (kurz: 5G) versteigert: Mehr als 6,5 Milliarden Euro haben die Mobilfunkanbieter Telekom, Vodafone, Telefonica und 1&1 für die 5G-Lizenzen bezahlt. Wir haben Oliver Luksic, Sprecher der Fraktion der Freien Demokraten im Bundestag für Verkehr und digitale Infrastruktur, getroffen, um mit ihm über die neue Mobilfunkgeneration zu sprechen.

Foto: Francesco Zimmermann

Saarbrücker Folsterhöhe plötzlich im Rampenlicht

in Gesellschaft/Stadt

Eine Reportage über die Lebensverhältnisse in Saarbrücken macht derzeit die Runde: “Saarbrooklyn: Der Randbezirk der Gesellschaft”, so der Name der Reportage von Spiegel TV vom 15.07.19, die für den Außenbetrachter ein negatives Bild auch von der Folsterhöhe zeichnet.
Direkt zu Beginn des rund 25-minütigen Videos ist die Siedlung Folsterhöhe zu sehen, mitten im Bild ein großes, älteres Hochhaus. Zugegebenermaßen wirkt das Gebäude ziemlich heruntergekommen – doch ist es das wirklich immer noch nach Renovierungsmaßnahmen auf der Folsterhöhe 2017? Oder wurden ältere Aufnahmen gezeigt? Wir wollten uns selbst ein Bild des angeblichen Problemviertels machen und haben uns vor Ort umgeschaut. Weiterlesen

Saarbrücken ruft Klimanotstand aus

in Politik/Welt

Der Druck auf die Politik wächst: Seit einigen Monaten gehen junge Leute auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. In einigen Städten Deutschlands, wie zum Beispiel in Bochum und Konstanz, führte das zur Ausrufung des Klimanotstands.
Weiterlesen

Mülltauchen in Saarbrücken: „Dieser Zustand ist für mich nicht tragbar“

in Gesellschaft/Politik

Supermärkte sortieren Lebensmittel bereits vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus, obwohl diese meist deutlich länger genießbar wären. Wenn im Netz mit Orangen eine zerdrückt ist, landet die ganze Packung im Müll. Einwegbecher und Pizzakartons werden achtlos entsorgt – zu Lasten der Umwelt. In der heutigen Wegwerfgesellschaft gibt es viele Probleme, die es zu lösen gilt: Vermüllte Strände und Meere, qualvolles Verenden von Fischen und Vögeln durch Fischernetze und Plastikteile sind Alltag geworden.
Letztes Jahr konnte ein österreichisches Institut sogar Mikroplastik im Menschen nachweisen. Wir haben uns an die durch den Müll entstandenen Probleme gewöhnt und bekommen mit, welch fatale Folgen unachtsames Wegwerfen haben kann. Trotzdem handeln wir nicht, sondern kaufen weiterhin unseren Joghurt in Plastikbechern, Wurst und Käse in doppelter und dreifacher Plastikverpackung. „Irgendeiner wird sich schon kümmern.“, „Ich allein kann doch nichts daran ändern.“ Aussagen, die man immer wieder hört, wenn es um die Lösung solcher Probleme geht.

Wie kann sich etwas ändern?

Auf der Suche nach den Umweltsündern stößt man ganz schnell auf Einwegartikel. Einweggeschirr, Pizzakartons, Strohhalme und Wattestäbchen landen nur nach wenigen Minuten im nächsten Mülleimer, ohne dass wir dabei über die damit verbundenen Konsequenzen nachdenken. Die EU will zum Schutz der Umwelt dagegen vorgehen. Dazu soll ab 2021 eine Kennzeichnungspflicht für Produkte mit einem gewissen Kunststoffgehalt, wie z.B. Feuchttücher oder andere Kosmetikprodukte, eingeführt werden, um die geeignete Entsorgung zu gewährleisten. Außerdem sollen alle Gegenstände verbannt werden, für die es bessere Alternativen gibt. Dazu zählen auch Luftballonstäbe und Einmalplastiktüten.

Prof. Dr. Horst Lang, Leiter Qualitätssicherung bei Globus SB-Warenhaus, antwortet auf meine Anfrage an die saarländische Supermarktkette Globus, was sie gegen den anfallenden Verpackungsmüll durch Plastiktüten von Obst, Gemüse und Frischwaren unternehmen: „Globus hat es sich zum Ziel gemacht, den Anteil an Kunststoffmaterial effektiv zu reduzieren. So bieten wir Artikel, bei denen auf eine Verpackung komplett verzichtet werden kann, in loser Form an. In unserer Frischeabteilung bieten wir wiederverwendbare Obst- und Gemüsebeutel aus Polyester an und an unseren Frischetheken haben unsere Kunden die Möglichkeit, sich die Waren in selbst mitgebrachten Boxen abpacken zu lassen.“

Doch Plastik ist nicht das einzige Problem der heutigen Wegwerfgesellschaft. Jährlich landen allein in Deutschland über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfalleimer. Supermärkte in Italien und Frankreich sind dazu verpflichtet, genießbare Lebensmittel, die aus dem Verkauf genommen werden, kostenfrei an interessierte Menschen oder gemeinnützige Einrichtungen weiterzugeben. In Deutschland gibt es diesbezüglich keine Regelungen: 2012 verurteilte ein Gericht in Düren zwei Personen zu hohen Geldstrafen, nachdem sie Lebensmittel aus Müllcontainern herausgefischt hatten. Der Grund: Abfall ist so lange Eigentum der Supermärkte, bis er von der Müllabfuhr abgeholt wurde.

Davon unbeeindruckt ist Simon Lehmann*. Er isst das, was Supermärkte wegwerfen. Der Saarbrücker stemmt sich gegen die Wegwerfgesellschaft und griff früher häufig in den Müllcontainer. Was ihn zum „Containern“ oder „Mülltauchen“ getrieben hat, hat er Fabius in einem Interview erzählt:

Fabius: Wie sind Sie zum Containern gekommen?

Simon Lehmann: Tatsächlich kann ich gar nicht genau sagen, was schlussendlich ausschlaggebend dafür war, dass ich mich erstmals auf Nahrungssuche zu Mülltonnen begeben habe. Schon lange beschäftige ich mich mit der Thematik von Lebensmittelproduktion im Kontext von Globalisierung/Kapitalismus. In sogenannten Drittweltländern leiden Menschen Hunger und auf der anderen Seite leben wir in einem wahnsinnigen Überfluss. Das hat mich zum Umdenken bewegt.

Vergrößern

sbwegwerfgesellschaft1-1

Simon Lehmann*

Fabius: Aus welchen Gründen greifen Sie in die Mülltonne?

Simon Lehmann: Täglich sterben tausende Menschen an Hunger und dessen Folgen. Die ‚Food and Agricultural Organization (FAO)‘ spricht von ca. 815 Millionen Menschen, die Hunger leiden. Das sind mehr als 10% der Weltbevölkerung!
Gleichzeitig leben wir hier dermaßen im Überfluss, dass zahlreiche Lebensmittel entsorgt werden. Weltweit landen jährlich ca. 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll. Das ist ca. ein Drittel aller produzierten Lebensmittel! Entgegen dem Glauben vieler Menschen herrscht keine Knappheit an Nahrung. Im Gegenteil: Alle weltweit produzierten Lebensmittel würden problemlos reichen, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Dieser Zustand ist für mich nicht tragbar. So möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass intakte Lebensmittel wieder dort landen, wo sie hingehören: Auf den Teller!

Vergrößern

Bild-2

Simon Lehmann*

Fabius: Ekelt Sie es nicht, im Müll zu wühlen?

Simon Lehmann: In der Regel nutze ich zum Containern Einweghandschuhe. So habe ich zu unangenehmen Abfällen keinen direkten Kontakt. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Abfallbehälter von Supermärkten außer Pappe, Kunststoff und den meist verpackten Lebensmitteln nur wenig Abfälle enthalten. Unangenehme Gerüche, faulendes Obst und Gemüse gibt es natürlich auch. Allerdings entscheidet hier der erste Blick, ob ich in der entsprechenden Tonne überhaupt suche oder die nächste öffne.

Fabius: Sind die Mülltonnen abgeschlossen?

Simon Lehmann: Noch vor einigen Jahren waren die Mülltonnen vielerorts frei zugänglich. Zwar achte ich immer darauf, alles ordentlich und sauber zu hinterlassen. Trotzdem sieht man natürlich, dass in den Tonnen gewühlt wurde. Das sehen Supermärkte in aller Regel nicht gerne, denn die wollen, dass ich mir den Joghurt aus dem Kühlregal nehme und dafür bezahle, statt mich kostenlos zu bedienen. Das führt leider dazu, dass immer mehr Tonnen weggesperrt werden. Das schränkt die Suche natürlich zunehmend ein.

Fabius: War Ihnen schon einmal schlecht nach Essen der Lebensmittel?

Simon Lehmann: Nein. Bisher habe ich noch nichts Schlechtes gegessen. Der Großteil unserer Gesellschaft liest das Mindesthaltbarkeitsdatum (welches selbst auf nahezu unverderblichen Lebensmitteln wie zum Beispiel Mineralwasser abgedruckt ist!) und nimmt an, das Produkt sei nach dessen Überschreitung verdorben und müsse entsorgt werden. Tatsächlich sind die Lebensmittel jedoch noch lange darüber hinaus ohne Bedenken genießbar. Viele Produkte können noch Jahre später verzehrt werden. Auch Milchprodukte wie Joghurt, Quark etc. halten sich noch Wochen bis Monate über dieses Datum hinaus. Man sollte sich hier auf die eigenen Sinne verlassen. Ein verdorbenes Lebensmittel erkennt jede und jeder anhand der Optik, des Geruches oder des Geschmacks.

Vergrößern

sbwegwerfgesellschaft3-1

Simon Lehmann*

Fabius: Wie läuft das „Containern“ ab?

Simon Lehmann: Im Prinzip unterscheidet sich das Containern nur wenig vom Einkauf im Supermarkt. Lediglich findet das Containern in der Regel außerhalb der Öffnungszeiten statt und es gibt natürlich nicht die Auswahl wie direkt im Markt. Ich packe zunächst einige Taschen, stecke Einweghandschuhe und Taschenlampe ein. Dann mache ich mich auf den Weg zu den Supermärkten, die mir eine bekannte Anlaufstelle sind. Dort stehen die Tonnen und Container dann entweder frei zugänglich oder es muss auch mal ein Zaun überquert werden. Zahlreiche Supermärkte sperren ihre Tonnen allerdings vollständig weg, so dass ein Zugang dort überhaupt nicht möglich ist.

Fabius: Der Griff in die Mülltonne wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Wurden Sie schon einmal von der Polizei erwischt?

Simon Lehmann: Vor einigen Jahren war ich in Saarbrücken mit einigen Freunden containern, als plötzlich mehrere Streifenwagen der Polizei um die Ecke kamen. Wie uns dann mitgeteilt wurde, hatte wohl jemand die Polizei alarmiert, der/die davon ausging, es fände ein Einbruch im Supermarkt statt. Nachdem die Beamten sichtlich verblüfft waren, welche Mengen unversehrter Lebensmittel wir dort aus den Tonnen holten, sagten sie uns noch, wir sollen bald zusammenpacken, und fuhren dann wieder. Leider sind solche Reaktionen nicht die Regel, so dass es bereits mehrere Verfahren gegen Menschen gab, die sich am ‚Abfall‘ der Supermärkte bedient hatten.

Fabius: Im Landkreis St. Wendel wird derzeit ein neues Foodsharing-Netzwerk aufgebaut. Können Sie mir darüber etwas erzählen, insbesondere in Bezug auf Ihre Aufgaben?

Simon Lehmann: In St. Wendel gibt es bislang eine noch recht kleine Gruppe, die für Foodsharing aktiv ist. Trotzdem konnten bereits einige Supermärkte in der Gegend vom Konzept überzeugt werden. So finden hier jede Woche Abholungen von Lebensmitteln statt, die sich für den Verkauf aus verschiedenen Gründen nicht mehr eignen. Momentan findet die anschließende Verteilung der Lebensmittel noch im kleinen Kreise privat statt. Geplant ist allerdings, auch hier einen `Fairteiler` einzurichten, wie es ihn beispielsweise auch in Saarbrücken gibt. Dort können Lebensmittel hingebracht werden, die man selbst nicht mehr verwerten kann. Was andere brauchen, können sie sich von dort mitnehmen.

Wer sich für das Foodsharing-Netzwerk interessiert und sich gegebenenfalls auch beteiligen möchte, kann sich hier näher informieren: www.foodsharing.de.

*Nachname von der Redaktion geändert


Fabius Leibrock wurde für seinen Artikel über die Saarbrücker Wegwerfgesellschaft mit dem diesjährigen Axel Buchholz Preis 2019 in der Kategorie „Jungjournalist“ ausgezeichnet.

Diesjähriges Mathe-Abi: Interview mit Philipp Martini

in Bildung

Über das diesjährige Mathe-Abitur gibt es zahlreiche Beschwerden, deshalb wurde eine Online-Petition gestartet. Am vergangenen Freitag haben wir bereits auf Instagram darüber berichtet, zu der Zeit wurden gerade einmal 740 Unterschriften gesammelt, mittlerweile sind es über 4.500 Unterschriften. Ich konnte heute Philipp Martini, der die Petition ins Leben gerufen hat, zu einem Interview treffen. Weiterlesen

Wasser bleibt ein Menschenrecht

in Gesellschaft

„Drink Healthy, Live Healthy!“: So lautet der Werbespruch einer der weltgrößten Nahrungsmittelkonzerne, der in Plastikflaschen abgefülltes Wasser verkauft. Immer wieder gerät dieses Schweizer Unternehmen jedoch in die Kritik. Darf ein Konzern dieses Wasser so teuer verkaufen, wenn man 1:1 das gleiche Wasser (fast) kostenlos haben könnte? Wieso trinken wir nicht einfach das Wasser aus dem eigenen Wasserhahn und warum wird nichts gegen die Probleme – ausgelöst durch die Gewinnung des Wassers – unternommen?

Weiterlesen
Ab nach oben