Schülerin arbeitet am Schreibtisch
Foto: StartupStockphotos, pixabay.com

Von “Corona-Ferien”, Handyfotos und Videokonferenzen: Unser Schulsystem gelangt an seine Grenzen

/
9 Minuten Lesezeit

Die vergangenen Wochen bescherten den meisten der rund acht Millionen Schüler in Deutschland und ihren Lehrern eine wohl noch nie dagewesene Ausnahmesituation. Schüler wurden unerwartet aus ihrem Lernumfeld und dem Freundeskreis gerissen, mussten oftmals die plötzlich auftretenden Existenzängste ihrer Eltern hautnah miterleben und sich aufgrund von schlechter Kommunikation dazu Sorgen um ihre Schullaufbahn machen.

Lehrer sind neben der zu leistenden Notbetreuung für die Schüler mit Eltern in systemrelevanten Berufen dazu angehalten, ihre Kurse online mit Aufgaben zu versorgen und nun seit ein paar Tagen in den ersten Bundesländern auch wieder die Abschlussjahrgänge unter strengen Hygienevorschriften zu unterrichten. Dazu kommen viele Personalausfälle aufgrund des hohen Altersdurchschnitts in den Kollegien, kleine Klassenzimmer und die Ambitionen vieler Politiker, noch in diesem Schuljahr möglichst alle Jahrgänge wieder in den Schulen zu unterrichten.

Die aktuelle Vorgehensweise von Bund und Ländern gerät bereits zu Beginn der Pandemie an ihre Grenzen – wie kann es weiter gehen?

Zu Beginn dieses Textes möchte ich meine persönliche Situation erläutern. Ich besuche das größte Gymnasium im Kreis Heinsberg und werde dort in einem Jahr meine Abiturprüfungen ablegen. Durch einen Ausbruch der Lungenkrankheit COVID-19 im von meiner Schule rund 30 Kilometer entfernten Gangelt im Februar ist meine Schule bereits seit Aschermittwoch (26.02.2020) mit Ausnahme der Abschlussklassen geschlossen. Seit neun Wochen lässt sich hier sehr gut beobachten, dass Smartboards und schnelle Internetzugänge für die Digitalisierung von Schulen nicht ausreichend sind, sobald die Schulen geschlossen sind und sich das Klassenzimmer an den eigenen Schreibtisch verlagert.

Seit dem 16.03.2020 sind die Schulen auch im Rest des Landes geschlossen. Diejenigen, die sich nun auf Dinge wie einen späteren Unterrichtsbeginn, Videokonferenzen und eigenverantwortliche Lernphasen gefreut haben, wurden jedoch schnell desillusioniert. Der Umgang mit dem “Digitalen Lernen” stellte sich an vielen Schulen schnell als mittelgroße Katastrophe heraus. Die Gründe hierfür sind vielfältig und Ursache von einer falschen Mentalität, einer komplizierten Rechtslage, mangelhafter digitaler Infrastruktur und fehlenden Lernkonzepten.

“Corona-Ferien” – Zentraler Ausdruck des derzeitigen Mentalitätsproblems an deutschen Schulen

Der Begriff “Ferien” findet seinen Ursprung im Lateinischen, genauer gesagt beim Wort feriae, welches übersetzt in etwa “Festtage” bedeutet. Ich verbinde mit Ferien außerdem auch die Freiheit, meinen Tagesablauf unabhängig von der Institution Schule zu gestalten und mich von dieser zu erholen. Weder die geltenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens, welche neben den Kontaktbeschränkungen auch die Reisefreiheit umfassen, noch der verzweifelte Versuch der Schulen, über Materialverzeichnisse und Lernmanagementsysteme den Unterricht fortzusetzen, rechtfertigen diese Bezeichnung. So sind die Ergebnisse einer
Befragung von Schülern des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nicht verwunderlich. Diese ergab, dass mehr als ein Drittel der befragten Schüler aus der gymnasialen Oberstufe täglich weniger als zwei Stunden mit der Bearbeitung von Aufgaben oder digitalem Unterricht verbringen. Besonders brisant ist auch, dass im Zeitraum der Befragung (24.03.-06.04.2020) ganze 46% der Befragten in den Abiturjahrgängen weniger als zwei Stunden täglich lernten.

Die Rechtslage? Schwammig und nicht zeitgemäß.

Einer der Gründe für das geringe Engagement der Schüler besteht sicherlich in der Rechtslage. In Nordrhein-Westfalen ist eine Leistungsüberprüfung der Bearbeitungen nicht vorgesehen, in einer internen Mitteilung des Schulministeriums vom 23.03.2020 schrieb der Staatssekretär Mathias Richter, dass es sich bei den Materialien “nicht um Inhalte von Prüfungsrelevanz handeln kann”. Mögliche Videokonferenzen und die Benutzung von verschiedenen Lernplattformen mit Kontakt zur Lehrkraft werden unter der Begründung des Datenschutzes untersagt, zeitgleich wird aber das Unterrichtsmaterial an einigen Schulen in eigens dafür eingerichteten WhatsApp-Kanälen verschickt.

Es braucht dringend eine Anpassung der Rechtslage in Bezug auf die Nutzung externer Dienste oder nutzbare Alternativen aus den Kultusministerien.

Digitale Infrastruktur – Auch eine Frage des Geldes

Selbst wenn die rechtlichen Voraussetzungen für Videokonferenzen geschaffen werden würden, würde der “digitale Unterricht” vermutlich aus finanziellen Gründen scheitern. Ein Kölner Schulleiter schrieb letzte Woche in einem Gastbeitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger, dass die Mittel des Digitalpaktes im bisherigen Tempo nicht vor dem nächsten Jahr in den Schulen ankämen. Ferner treibt das Arbeiten im Homeoffice vieler Arbeitnehmer die Preise für das entsprechende Equipment wie Webcams oder Headsets aktuell in die Höhe und wäre für viele Familien nicht finanzierbar. Dabei wird der digitale Unterricht auf längere Zeit unumgänglich sein, beispielsweise für Schüler mit Angehörigkeit zur Risikogruppe oder im Falle einer zweiten Infektionswelle und eines damit verbundenen Lockdowns.

Die Politik sollte sich im Tempo der Bereitstellung für die finanziellen Hilfsmittel deutlich beschleunigen – Schließlich erhalten große Konzerne wie adidas, Condor und demnächst vermutlich auch die Lufthansa vergleichsweise schnell und unkompliziert hohe staatliche Finanzhilfen.

“Solltet ihr Probleme beim Lesen haben müsst ihr selbst überlegen, welches Wort da wohl hingehört.” – Aufgaben ohne jegliche Konzeption

Die aktuelle Situation offenbart auch gravierenden Mängel im pädagogischen Grundverständnis vieler Lehrer: Während die ersten mittlerweile eigene YouTube-Kanäle mit Tutorials zu Unterrichtsinhalten betreiben, sind andere nicht dazu in der Lage, ihre Aufgabenstellungen an die aktuelle Situation anzupassen. Oftmals dürfen sich die Schüler dann mit verwackelten und überbelichteten Handyfotos von Schulbuchseiten oder veralteten Dateiformaten rumschlagen, da ihre Lehrer schlichtwegergreifend nicht dazu in der Lage sind, die Aufgaben als PDF-Dateien bereit zu stellen. E-Mails sind kein geeignetes Kommunikationsmittel für Rückfragen und zur Lernerfolgskontrolle, aber aufgrund von fehlenden Alternativen wie beispielsweise des DSGVO-konformen Messengers Threema unumgänglich. Dass einige Lehrer grundsätzlich nicht viel vom digitalen Lernen halten, zeigen Arbeitsaufträge wie dieser: “Die Texte lesen und das von mir handgeschriebene Manuskript Seiten 3 – 8 bitte abtippen. Solltet ihr Probleme beim Lesen haben müsst ihr selbst überlegen, welches Wort da wohl hingehört.”

Fazit: Es gibt viel zu tun

Es macht wenig Sinn, weiter vor dem Ende der Pandemie auf die Rückkehr aller Jahrgänge in die Schulen zu setzen. Die Debatten rund um Abschlussprüfungen der vergangenen Wochen haben die Situation aller anderen Jahrgangsstufen und einen wesentlichen Aspekt ausgeblendet: Unter den jetzigen Bedingungen, welche uns voraussichtlich bis zur weitreichenden Verfügbarkeit eines Impfstoffes gegen COVID-19 begleiten werden, reichen sowohl der Platz in den Schulen als auch die Anzahl der Lehrer nicht aus, um in den Schulen allen Jahrgängen Präsenzunterricht zu erteilen. Vernünftige Investitionen in die digitale Infrastruktur, Weiterbildung im Umgang mit dieser für Lehrer und nicht zuletzt eine Anpassung der Rechtslage sind notwendig, damit das System Schule in der Krise langfristig nicht kollabiert. Dafür benötigt es Mut, Innovationsfreude und Geld – Geld, welches unseren Schulen übrigens auch dabei helfen würde, nach Jahren des digitalen Abgehängtseins einen großen Schritt nach vorne zu machen.

Peer Schwiders

Ich bin seit meiner frühen Kindheit medienverrückt, moderierte im Alter von neun Jahren zum ersten Mal beim Radio und durfte im Laufe meiner Jugend dann europaweit für mehrere Medien die Proteste verschiedenster Umweltorganisationen begleiten und dokumentieren. Bei "Der Jungreporter" schreibe ich hauptsächlich über Debatten rund um (Bildungs-)Politik und Medienkritik, derzeit nehme ich außerdem am internationalen Projekt "Media & Me" teil und leite ein Online-Medium zur politischen Partizipation Jugendlicher.
In meiner Freizeit trifft man mich im Ruhrgebiet im Umfeld des FC Schalke 04 und beim Spazieren mit meinem Hund in der Natur.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Insieme - Zusammenhalt in der Not!

Schallplattensammlung mit Kopfhörer

"TANZEN" von Clueso - Mein Song der Woche

Letzte Beiträge von Bildung