leerer Theatersaal
Foto: unsplash.com / chuttersnap

Corona, du bist eine Gefahr für Kultur!

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8 Minuten Lesezeit

Das Virus und Kulturangebote – kein gutes Zusammenspiel. Hamburgs Kulturschaffende schlagen Alarm, viele haben ihren Job vorübergehend verloren. Doch warum verlegen wir das ganze nicht ins Internet? Kann Kultur auch zuhause, auf einem Bildschirm funktionieren?

Der Lockdown machte viele Kulturschaffenden schwer zu schaffen, sie verlieren ihre Jobs und damit ihren Lebensunterhalt. Ungewohnte Leere auf Hamburgs Kiez, keine Menschen, keine Kulturangebote, die man nutzen kann und viel Geld, das bei Künstlern fehlt.

Ins Internet verlegen die wenigsten Künstlerinnen und Künstler ihre Shows. Die Location, der Strom, der Internetanschluss, Make-Up und alles andere muss bezahlt werden. Durch Internetangebote ist dies finanziell nicht zu stemmen. Das Feeling, was man sonst da ist, existiert zuhause nicht. Ein Theaterstück kann man sich vielleicht als Aufzeichnungen anschauen. Doch das Gefühl, edel angezogen mit leuchtenden Augen in einem Theatersaal zu sitzen, bei Bedarf laut zu applaudieren und ein direktes Feedback zu sehen oder zu hören, hat man zuhause nicht.

„Wir vermissen euch jetzt schon!“ – so heißt es auf einem Leuchtschild direkt neben der Davidwache auf St. Pauli (Hamburg). Franziska Kuropka sagte in einem Video von SPIEGEL TV, dass für sie seit dem Lockdown jeder Tag wie ein Montag sei, denn montags sei nichts auf dem Kiez los. Ihr Mitbewohner und Kumpel Lukas Nimscheck sagte ebenfalls in dem Beitrag, das er glaubt, dass Kulturangebote vergessen wird, denn es gibt laut seiner Aussage nicht viel Künstler*innen an der Zahl, im Gegensatz zu den Bewohner*innen der Bundesrepublik. Wir haben mit Franziska Kuropka über die aktuelle Situation, ihr Online-Musical, bleibende Schäden für Kultureinrichtungen und ihre Pläne nach der Corona-Krise gesprochen.

Der Jungreporter: Liebe Franziska, Corona macht auch dir schwer zu schaffen. Wie gehst du mit der aktuellen Situation um?

Franziska Kuropka: Meine Stimmung wechselt täglich. Heute bin ich sicher, dass wir das alles mit Geduld, Optimismus und ein wenig Sitzfleisch schon hinkriegen. Morgen weiß ich: Nichts wird mehr so sein, wie es mal war. Das Theater, wie wir es kennen, ist tot und keinen juckt‘s. Man reiche mir einen Strick. Es ist ein Auf und Ab. Drama, Baby!

Der Jungreporter: Wie kam es zum Online-Musical “Systemrelevant”, dass du mit Lukas Nimscheck geschrieben und aufgezeichnet hast?

Franziska Kuropka: Das war in der zweiten “Bleibt zu Hause – Woche” und wir hatten tatsächlich einfach Langeweile. Das Wort “systemrelevant” geisterte immer öfter durch den Alltag und wir haben mit dem Song unsere Ängste und Befürchtungen humorvoll verpackt. Es kommt mir Ewigkeiten her vor! Ehrlich gesagt ahnten wir nicht, wo das noch hinführt und wie existenziell das alles noch wird. Aber es tat so gut, die Situation in etwas Kreatives, Positives zu verwandeln.

Der Jungreporter: Wirst du nach Corona wieder auf die Bühne gehen, oder denkst du schon in andere Richtungen?

Franziska Kuropka: Ah! Wunder Punkt… Ich hoffe natürlich, dass es weitergeht. Ich bin gerade (das erste Mal in meiner beruflichen Laufbahn) arbeitslos und meine Angst ist, dass es für das nächste Jahr sehr wenig Jobangebote geben wird. Viele Produktionen sind natürlich einfach ins Jahr 2021 verschoben. Es gibt kaum Vorsingen oder Castings. Da wird es die nächsten Monate eng für uns Darsteller… Da geht mir schon ein bisschen die Muffe, aber zum Hinschmeißen ist es definitiv zu früh.

Nicht systemrelevant, bleibt zuhause, Optimismus all diese Wörter gehen mir durch den Kopf…

Ich frage mich: Ist Kultur nicht systemrelevant?

Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.

Richard von Weizsäcker, 1991

Wenn man diesem Zitat glauben mag, dann ist Kultur auf jeden Fall systemrelevant, doch die Behörden und Ministerien sehen das irgendwie nicht so.

Doch, gibt es wenigstens Corona-Hilfe für die, die nicht arbeiten dürfen?

Ja, Kulturschaffende haben die Möglichkeit, eine “Soforthilfe” zu bekommen. Die Einmalhilfen sind allerdings schnell aufgebraucht. Ein Anspruch auf Kurzarbeitergeld gibt es nicht. Freiberufler haben nur die Möglichkeit, Arbeitslosengeld zu beantragen.

Wie wäre es mit einem spezieller Rettungsschirm?

Den gibt es (aktuell) nicht. Wir haben uns gefragt, wieso es diesen nicht gibt, warum freiberufliche Kulturschaffende keinen Anspruch auf die Zahlung von Kurzarbeitergeld haben und ob geplant ist, Kulturschaffende finanziell zu fördern. Auf Anfrage teilt uns die Pressestelle der Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung mit: “Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte die Bundesregierung Soforthilfen für Solo-Selbständige und kleine Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten (…) beschlossen. Dieses Programm steht auch Künstlern und Kulturschaffenden als Freiberuflern offen. Darüber hinaus steht das (…) Kurzarbeitergeld auch Unternehmen aus dem Kultur- und Medienbereich zur Verfügung. Zudem wurde für Kultur- und Medienschaffende, denen durch die jetzige Krise das Einkommen oder die wirtschaftliche Existenz wegbricht, der Zugang zu Leistungen der Grundsicherung vereinfacht. Gestern Abend hat sich der Koalitionsausschuss auf ein umfassendes Konjunktur-und Zukunftspaket verständigt. Darin enthalten ist ein Programm zur Milderung der Auswirkungen (…) in Höhe von 1 Mrd. Euro. Aus dem Programm soll insbesondere die Erhaltung und Stärkung der Kulturinfrastruktur, Nothilfen, Mehrbedarfe von Einrichtungen und Projekten und die Förderung alternativer, auch digitaler Angebote gefördert werden. Dem Kulturbereich kommen aber auch weitere geplante Vorhaben aus dem Konjunkturpaket zugute, wie z. B. die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für sechs Monate von 19% auf 16% (bzw. beim ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 % auf 5%) und die Verlängerung des vereinfachten Zugangs zur Grundsicherung bis zum 30.09.2020.

Franziska Kuropka sagte zum Rettungsschirm, dass dieser selbstverständlich helfen würde, dass ihr aber auch klar ist, dass Kultur nicht die erste Geige beim Überleben der Menschheit spielt, aber ohne sie wären einige während der Einschränkungen zuhause an die Gurgel gegangen. Für sie zeigt die momentane Situation, dass Kunst im Internet als selbstverständlich und kostenlos angesehen wird und das dort definitiv ein Bewusstsein bei den Konsumenten geschaffen werden müsse.

Von dem Konjunkturprogramm erhalten private Theater und Festivals 120 Millionen Euro. Doch Franziska Kuropka befürchtet, dass einige, vor allem kleine Theater und Kultureinrichtungen, auf der Strecke bleiben, denn sie müssen abwägen, ob es sich mit den aktuellen Auflagen überhaupt rechnet. Sie weiß von einigen Häusern, die von den zuständigen Behörden unterstützt werden. Sie meint, dass die kommende Spielzeit inszenatorisch auf jeden Fall interessant wird.

Lukas Hinz

...hat Bock auf Medien, Fotografie, Journalismus und viel viel mehr. Wenn ich gerade nicht online bin, dann suche ich nach coolen Dingen, die mir vor die Linse springen oder sitze - ohne Internet - in der Bahn.

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