Screenshot von bento.de
Screenshot von bento.de (abgerufen am 14.06.2020)

„bento“ wird eingestellt – Verlust oder Chance?

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9 Minuten Lesezeit

Am Mittwoch gab der SPIEGEL-Verlag in Hamburg bekannt, dass “bento” als junges Angebot des Verlages aus finanziellen Gründen im Herbst eingestellt wird. Ein Verlust in der deutschen Medienlandschaft oder eine Chance zur Neubesinnung? Wir haben zwei unserer Redakteure sowie einen Autor von “bento” nach ihrer Meinung gefragt.

„Es ist schade, dass der neue Ansatz der Seite jetzt so schnell begraben wird“ – Maximilian Fischer, Autor von “bento”

Vor knapp drei Jahren lästerte Moderator Jan Böhmermann in seiner TV-Show “Neo Magazin Royale” 20 Minuten lang über “bento”, das junge Medienangebot des SPIEGEL. Die Redakteure, Hipster ohne journalistischen Anspruch. Die inhaltlich federleichten Artikel, meist Aufzählungen und Quizzes, kompletter Müll. Die bento-Chefs schienen auch irgendwann nicht mehr überzeugt von ihrem Produkt. Im Oktober 2019 erfolgte der Relaunch. Ausgeruhteres Design, längere Artikel, weniger Quiz. Investigativ statt Clickbait.
Das war auch das “bento”, das ich während meiner kurzen Zeit als Autor für den Spiegel-Ableger miterlebte. Jeder Artikel durchläuft mehrere Korrekturschleifen und Behauptungen müssen durch Quellen belegt werden, die auch im Text markiert werden. Wer heute bento besucht, der bildet sich. Und es ist schade, dass der neue Ansatz der Seite jetzt so schnell begraben wird. Ich hätte gerne gewusst, was Böhmermann dazu sagt.

“Spagat zwischen anspruchsvollem Journalismus und der Wirtschaftlichkeit” – Peer Schwiders

Als junger Medienschaffender erlebe ich nahezu täglich, wie schwer sich der Spagat zwischen
anspruchsvollem Journalismus für eine junge Zielgruppe und der Wirtschaftlichkeit solcher Angebote gestaltet. Am Anspruchsvollsten erscheinen dabei stets Angebote aus dem öffentlich-rechtlichen Umfeld von “funk” (Anm. d. Red.: Content-Netzwerk von ARD und ZDF), da diese nicht gewinnorientiert sind und infolgedessen auch einen größeren journalistischen Spielraum besitzen. “Bento” machte sich über Jahre mit inhaltlich anspruchslosen Artikeln zum Gespött der deutschen Medienlandschaft, war aber aufgrund von Advertorials und Native Advertising für den SPIEGEL-Verlag profitabel.
Durch die Umstrukturierung im Oktober 2019 und die Verringerung dieser Inhalte gewann das Angebot zwar deutlich an Qualität, verlor aber zugleich auch wichtige Werbeeinnahmen. Unter zuletzt immer weiter schwindenden Zugriffszahlen und der fehlenden Möglichkeit eines profitablen Paywall-Modells war der Untergang des Angebots besiegelt. Nun plant man den Ausbau des Bezahlangebotes “Spiegel +” und das an Berufseinsteiger gerichtete Angebot “Spiegel Start” – letzteres auch vierteljährlich in gedruckter Form. Die “bento” interessant machenden Formate wie „Gerechtigkeit“ oder „Gefühle“ bringt das allerdings nicht zurück.

“bento war das typische Medienangebot für junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren” – Lukas Hinz

Für mich war bento nach dem Relaunch das typische Medienangebot aus Hamburg für junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, das über ansprechende Themen spricht. bento war für mich immer mehr als “nur” ein SPIEGEL-Ableger. Das simple, aber dennoch coole Design der Instagram-Posts erinnert leicht an das typische SPIEGEL-Design, ist aber dennoch super inspiriert. Vor allem die Reihe Uni und Arbeit, aber auch die Reihe Queer hat mir sehr gefallen. Meiner Meinung nach hat der SPIEGEL-Verlag mit “bento” jungen Menschen außerhalb von öffentlich-rechtlichen eine Plattform gegeben und somit auch in gewisser Weise “eine Stimme”. Ich finde es sehr schade, dass bento eingestellt wird, würde mich aber freuen, wenn der SPIEGEL-Verlag ein neues Angebot für junge Menschen schafft.

“Auf einer Skala irgendwo zwischen Reporterpreis und nackter Haut fand sich bento wieder.” – Aaron Schröder

“Bento” ist tot! Das Ende war bitter, aber “bento” musste kämpfen. Das Kind des Spiegels, das Pubertier eines Hamburger Verlags, die letzte schimmernde Hoffnung, irgendwie aus diesen bildungsfernen verseuchten Steckdosenteenies doch noch wenigstens ein bisschen Geld machen zu können, ist fort. Droht uns jetzt die Spiegel-Pleite? Werden junge Menschen in zehn Jahren noch wissen, dass SPIEGEL nicht nur ihre fetten Körper und ihre zugeschminkten Fratzen bildlich darstellen, sondern eigentlich auch gesellschaftliches Bildungsgut für informative Recherche in Zeiten des Klimas sogar auf Papier gedruckt erscheint. “Bento” wurde nur fünf Jahre alt und sollte diese neue Welt leben. Junge frische Redakteure wurden frisch von Journalistenschulen entführt und in dieses neue junge seriöse Promiflash geschleppt. Sie sollten ja wissen, wie diese neuen Jungen Menschen ticken: “Bento – der digitale Spielplatz für alle unter 30”.
Auf einer Skala irgendwo zwischen Reporterpreis und nackter Haut fand sich bento wieder. Jung hätte es sein sollen, das war es vielleicht auch, aber mal ehrlich, was ist “bento” gegen die BILD? Richtig! Einfach zu viel Text! Die Strafe dafür zeigt sich im Herbst. Der SPIEGEL wirft die letzten in der Pubertät stehen gebliebenen Redakteure aus seinem „Bento Jugend Pumakäfig“ und friert alles ein was an neues junges frisches Spiegelangebot erinnert.

So kalt der Herbst auch immer sein würde, so kalt wird auch “bento”‘s Beerdigung sein. Des Image wegen, wird der SPIEGEL es wieder versuchen. Irgendwas neues, irgendwas frisches – hauptsache den Jungen gefällt’s! Am Ende ist es doch immer das Geld, was zählt, nichts anderes.
Aber was ist denn jetzt im Herbst? Wird sich der Apple Store wirklich von “bento” verabschieden können?! Wird die digitale Welt jemals “bento”‘s Tod überstehen?
“Bento”! Das junge Magazin des SPIEGELs, das selbst für Relotius zu hoch war!
“Bento”! Das Promiflash für Intellektuelle
“Bento”! Die billige BILD Kopie mit so vielen Buchstaben und Wörtern

Was bleibt ist die Bildungslücke, die selbst “bento” bei den U30 nicht schaffte. Ob der Spiegel jemals Alternativen bringt, ist ungewiss. Wer trotzdem auf seriöse Weise wissen will wie Rezo seine blauen Haare bekam oder wie er CDU und Presse zerstörte, der sollte “Der Jungreporter” lesen – “das seriöse “bento”, oder das was “bento” niemals hätte werden können”.

Ja okay, das mit Rezo und den blauen Haaren wissen wir selbst nicht, aber wir wissen, dass “bento” stirbt und naja, das ist immerhin etwas. “Bento”, du hast uns genervt. Du hattest wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen. Du warst nur ein kleiner Stern am Boulevard Himmel. Aber wir werden dich sicher trotzdem vermissen. Wir werden dich vermissen, mit deiner anderen Art. Mit deiner neuen Form des Boluvardjournalismus. Wir werden all die niederträchtigen Stories vermissen, die absolut niemanden interessieren, die du aber trotzdem gebracht hast. Wie denn auch, mit so jungen unerfahrenen Studenten, die sonst keiner wollte, hattest du ja keine Chance, kein Ansehen, keine Erfahrung. Wir werden all die Lästereien vermissen. All das Kopfschütteln, all die Nacktheit. Ja irgendwie werden wir dich vermissen.
Und wer in Hamburg denkt die Jungen sind verloren, dem empfehlen wir eine Reise in dieses kleine Bundesland, was Frankreich immer noch nicht kaufen konnte und selbst Trump nicht wollte. Auf der Karte nur ein kleiner Fleck, im Duden nur acht Buchstaben, im Journalismus aber wesentlich mehr!
Wer weiß schon, ob diese kleine unscheinbare Redaktion anfangs aus diesem unscheinbaren Saarland jemals Kaufinteresse im hohen Norden erfährt, ich bin mir sicher man ist schon auf der Suche nach uns. Nach diesem kleinen Bundesland. Wir konnten “bento” zumindest vorerst in die Knie zwingen – auch ohne das erste Mal. “Bento”, das wars, du hast verloren. Wir heben unsere blaue Perücke und haben “bento” zerstört! Ja genau dich!

Wir weisen darauf hin, dass Beiträge und Meinungen von Personen, die namentlich gekennzeichnet sind, nicht der Meinung der Redaktion entsprechen müssen. Die Meinung von Aaron Schröder ist rein sarkastisch zu verstehen.

Peer Schwiders

Ich bin seit meiner frühen Kindheit medienverrückt, moderierte im Alter von neun Jahren zum ersten Mal beim Radio und durfte im Laufe meiner Jugend dann europaweit für mehrere Medien die Proteste verschiedenster Umweltorganisationen begleiten und dokumentieren. Bei "Der Jungreporter" schreibe ich hauptsächlich über Debatten rund um (Bildungs-)Politik und Medienkritik, derzeit nehme ich außerdem am internationalen Projekt "Media & Me" teil und leite ein Online-Medium zur politischen Partizipation Jugendlicher.
In meiner Freizeit trifft man mich im Ruhrgebiet im Umfeld des FC Schalke 04 und beim Spazieren mit meinem Hund in der Natur.

4 Kommentare

  1. „ Wer heute bento besucht, der bildet sich.“
    Leider nicht im Sinne des kritischen Denkens. Bento ist und war hauptsächlich ein Agitatonsmedium für eine neomarxistische Agenda versteckt im schnieken Hipster Gewand.
    Es hat weder einen Bildungsanspruch noch erfüllt es im Minimum die Grundsätze journalistischer Arbeit.
    Dabei wäre es immens wichtig jungen Menschen eine komplexe, globalisierte Welt mit seinen verschiedenen Denkschulen näherzubringen. Stattdessen werden binäre Feindbilder zementiert und aufrecht erhalten. Schade

  2. Bento – das RTL2 des Spiegels. Mal ehrlich, die meisten Artikel waren flach und auf Bild-Niveau, wenn vielleicht auch mit mehr Wörtern. Vor allem aber war Bento auf ein paar wenige Themen (die sich dann über alle Ressorts erstreckt haben) beschränkt, und innerhalb dieser Themen offensichtlich nicht mal ansatzweise Journalistisch neutral, sondern ganz klar innerhalb einer ideologischen Filterblase unterwegs. Nur: Wer sich vernünftig informieren möchte, dem fällt sowas recht schnell auf (und der kommt nicht wieder), wem das nicht auffällt, dem hatte Bento zu viele Wörter, und wer drauf steht und in der Filterblase wohnt gehört zu so einer kleinen Gruppe, dass es sich eben nicht gelohnt hat. Gott (oder wem auch immer) sei Dank.

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