leere Sitzplätze ien Fußballstadien

Geisterspiele: Rückkehr zur Normalität oder finaler Angriff auf die Fankultur?

6 Minuten Lesezeit

Die deutsche Fußball-Bundesliga nahm als erste internationale Spitzenliga nach rund zweimonatiger Unterbrechung trotz der Corona-Pandemie wieder den Spielbetrieb auf. Doch was medial vielfach als „Rückkehr zur Normalität“ hochgejubelt wurde, ist ein Schlag ins Gesicht für die Fans, die jedes Wochenende zu hunderttausenden die Stadien pilgern. Eine persönliche Abrechnung mit der Fanpolitik und dem kranken Konstrukt Bundesliga.

Ich gehöre zu den Menschen, die normalerweise an jedem zweitem Wochenende im Stadion stehen und dann 90 Minuten lang mit voller Energie lautstark ihren Klub unterstützen. Bevor die Corona-Pandemie meinen Alltag entschleunigte, machte ich mich – vorzugsweise samstags vormittags – mit dem Zug auf die rund zweistündige Reise ins Ruhrgebiet, um dort in der Arena des FC Schalke 04 die wohl einzigartige Fankultur des Ruhrgebiets zu erleben und mir dabei meist durchschnittlichen Bundesligafußball anzuschauen.

Dabei Teil eines weltweit florierenden Milliardengeschäfts zu sein war mir stets bewusst, gestört hatte es mich allerdings nie wirklich. Mein Ärger galt eher der Innovationsfreude der DFL in Bezug auf Instrumente wie den Video Assistant Referee (VAR, „Videobeweis“) oder zu hohen Bierpreisen im Stadion (4,20€ für einen halben Liter!). Die kurz vor dem Lockdown beschlossene Unterbrechung der Saison konnte ich natürlich nachvollziehen, reine Geisterspiele mit Fan-Ansammlungen vor den Stadien hätten sich in der damaligen Situation schnell zu Infektions-Hotspots entwickelt, von der Gesundheit aller Personen im Stadion gar nicht erst zu sprechen.

Nach meinem vorerst letzten Stadionbesuch (DFB-Pokal Viertalfinalspiel zwischen dem FC Schalke 04 und Bayern München) versuchte ich, Zuversicht zu gewinnen und freute mich bereits auf die Stadionbesuche in der „Zeit nach Corona“. Überrascht erreichte mich dann Anfang April die Nachricht der Deutschen Fußball Liga (DFL), dass 13 der 36 Profi-Vereinen in Deutschland die Insolvenz drohe, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt werden würde. Grund hierfür ist die noch nicht erfolgte Auszahlung der letzten von vier Raten der für die Klubs enorm wichtigen TV-Einnahmen von den Medienpartnern aus der ganzen Welt.

Die böse Vorahnung, dass auch mein Verein in finanzielle Schwierigkeiten geraten würde, bestätigte sich alsbald über die offiziellen Kanäle des Klubs. Die Profis verzichteten auf Teile ihres Gehalts, Fans und Sponsoren wurden um den Verzicht für verbleibende Tickets bzw. sogar um finanzielle Unterstützung gebeten. Während ich meine verbleibenden Karten zurückgab (und dafür übrigens einen Schal als Dankeschön erhielt, später mehr), wurde mir bewusst, wie anfällig und verletzlich das System der Bundesliga durch die weltweite Kommerzialisierung des Sports geworden ist. Die Botschaft ist eindeutig und erschreckend: Die Existenz von weiten Teilen des deutschen Profifußballs hängt von der Durchführung von neun (!) Spieltagen ab.

Die Botschaft war eindeutig: Die Bundesliga braucht die zeitnahe Durchführung von den verbleibenden Spielen, um die Krise in ihrer Konstellation zu überleben. Von Seiten der Politik wurde selbstverständlich schnell unter der Bedingung eines strengen Hygienekonzeptes der Weg frei gemacht, ungehört blieben dabei jedoch die vielen Fanorganisationen, die sich während der Pandemie auch oftmals ehrenamtlich engagierten und eindeutige Warnungen vor leeren Rängen ausgesprochen hatten.

Während die Mannschaften in zweiwöchige Quarantäne-Trainingslager zogen und Teile der Stadien entsprechend dem Abstandsgebot umgebaut wurden, stellte sich für die Vereine die Frage nach dem richtigen Umgang mit den Geisterspielen. Der FC Schalke 04 und Borussia Dortmund entschieden sich gegen eine künstliche Ausgestaltung der Geisterspiele und ließen ihre Ränge leer, im knapp 100 Kilometer entfernten Mönchengladbach stehen nun 13.000 Pappfiguren auf den Rängen. Die Geisterspiele dienen nicht nur als Lebensretter für die meisten Vereine, sondern stellen für jeden Stadiongänger schmerzhafte Fragen: Wie viel bedeute ich meinem Verein noch als Stadiongänger, wenn die Fernsehzuschauer weltweit den Großteil der jährlichen Umsätze einbringen? Dient meine Anwesenheit im Stadion wirklich der Unterstützung meines Teams, oder viel mehr als Marketinginstrument für die ausländischen Märkte im ständigen Konkurrenzkampf mit den Ligen in England, Italien und Spanien?

Unser Redakteur Yannick Werner schrieb mir folgendes: „Denn am Ende sind es nicht die Spieler, Arenen oder Einnahmen, die den Fußball ausmachen, sondern vor allem die Fans.“ Ich befürchte, dass sich der Fußball während der andauernden Corona-Pandemie neu erfinden wird und wir uns an die Abwesenheit oder das Verstummen von Fangruppen in ihrer klassischen Form einstellen müssen. Im asiatischen Raum erleben wir alle derzeit erstmalig den Einsatz von ferngesteuerten Emotionen wie Torschreien in die leeren Stadien, die Vereine in Deutschland bauen ihre Markenpräsenz weiter aus und senden seit dem Restart der Bundesliga eigene Online-Shows im Vorfeld der Spiele. Dazu kommen exklusive Corona-Kollektionen in den Fanshops, Schalke 04 entschädigt Tageskarteninhaber mit einem Schal, Aufschrift: „Mit Abstand die geilsten Fans der Welt.“
So gerne ich ihn zustimmen würde: Der Fussball hat seine Abhängigkeit von Fans im Stadion beendet und ist auch ohne Fans in den Stadien ein starkes Marketinginstrument geworden. Mit einer Rückbesinnung nach der Krise rechne ich – aus gegebenem Grund – nicht mehr.

Peer Schwiders

Ich bin seit meiner frühen Kindheit medienverrückt, moderierte im Alter von neun Jahren zum ersten Mal beim Radio und durfte im Laufe meiner Jugend dann europaweit für mehrere Medien die Proteste verschiedenster Umweltorganisationen begleiten und dokumentieren. Bei "Der Jungreporter" schreibe ich hauptsächlich über Debatten rund um (Bildungs-)Politik und Medienkritik, derzeit nehme ich außerdem am internationalen Projekt "Media & Me" teil und leite ein Online-Medium zur politischen Partizipation Jugendlicher.
In meiner Freizeit trifft man mich im Ruhrgebiet im Umfeld des FC Schalke 04 und beim Spazieren mit meinem Hund in der Natur.

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