Über Leistungsdruck & Corona-Blogs

4 Minuten Lesezeit

Ich kann nicht stillsitzen. Ich muss mindestens fünf Bücher gleichzeitig lesen. Ich sitze stundenlang vor dem Bildschirm und versuche Hausaufgaben zu machen. Händels Wassermusik läuft (ein Musikprojekt) und ich schreibe mit Elise, meiner Austauschschülerin. Meine Englischlektüre ist endlich da. Wir wollen essen.

Resilient sein bedeutet „Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.“ Darin sind wir Menschen verschieden gut. Trotzdem sollen wir ruhig bleiben und abwarten, was passiert. Den Stillstand genießen und einfach mal alles und nichts tun. Ich kann das nicht. 

Ich habe eine Schwäche dafür, mich in Leute hineinzuversetzen. Ich meine wirklich Schwäche, denn ich will und kann mich nicht streiten. Ich kann gut nerven, hinterfragen und diskutieren. Vielleicht bin ich zu ich-bezogen, aber irgendwie verletzen mich Kommentare von anderen stärker als sie es sollten. Darum habe ich bis jetzt im Politikunterricht irgendwie nicht gerne mitgeredet. Meine Klasse hat immer so schlaue Sachen gesagt, auf die ich gar nicht gekommen wäre. Wenn ich mich mal getraut hab, dann war es ganz okay, aber geschwitzt habe ich trotzdem bis zum Mond. Total bescheuert. Denn eigentlich kann ich reden und auch diskutieren und hinterfragen und mitdenken. Die haben auch immer gesagt, dass ich zu emotional bin und nicht alles so eng sehen soll. Wow, danke. 

Ich wollte eigentlich bloggen. Damit hat alles angefangen. Dann wollte ich Influencerin werden, zu Germany’s next Topmodel, The Voice of Germany und nebenher studieren und die Welt bereisen. Klingt ja erstmal gut, aber dann kamen die anderen… Die haben immer gesagt, ich soll klein anfangen, Sachen zu Ende bringen und mich auf die Schule konzentrieren. Laaangweilig. Nichts ist entmutigender als ein Umfeld, dass dir indirekt jeden Tag aufs Neue sagt: „Du kannst das nicht.“

Vielleicht habe ich deshalb der Schulleitung, die ja eigentlich genug um die Ohren hat, erklären wollen, dass unsere Schule digitaler werden muss. Ich wollte eine Corona-Kolumne auf der Schulplattform meiner Schule schreiben. Eine Lehrerin hat mir dann geraten, mein Privatleben – und falls ich mich für irgendetwas einsetzen möchte – von der Schule zu trennen. Ich könnte ja zum Beispiel bloggen (Schicksal). Ich habe also allen erzählt, dass ich jetzt einen Corona-Blog plane und Inspiration suche. Ich wusste nur nicht, was das genau werden soll. 
Folglich habe ich gut eine Woche erst gegen vier geschlafen, wenig gegessen, getippt, getippt und getippt und am Ende bemerkt, dass ich total krank aussehe. Typische Stresssymptome sind übrigens: Schlaflosigkeit, Blässe, schnelle Gereiztheit, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, … Hobbys blieben aus und selbst den Kontakt zu anderen habe ich nicht mehr gesucht. Weil ich übrigens angefangen habe, laufen zu gehen, habe ich nebenbei gleich abgenommen. Praktisch.

Ich habe mir unbewusst enorme Herausforderungen gestellt. Herausforderungen, die gar nicht zu bewältigen sind. Ich wollte einfach nur abliefern, wie versprochen. Vielleicht habe ich eine kleine pubertäre Identitätskrise durchlebt. Keine Ahnung. Damit mein Kopf nicht platzt, habe ich irgendwann mal eine Überlebensliste gemacht. Abschreiben und weiterführen!

  • Es interessiert nicht jeden, wovon du träumst, aber die meisten meinen das nicht böse.
  • Recherchieren macht wirklich Spaß. Egal was tu findest, aber Ende bist du einen minibisschen schlauer.
  • Manchmal muss man nur ein bisschen suchen, bis man jemanden mit den gleichen Interessen gefunden hat. (Das ist aber nicht schlimm, denn am Ende lernt man viele nette Leute kennen.)
  • “Coming of age”-Filme sind toll, weil andere da ihre Erfahrungen und Tipps drin verstecken. Guck einen, wenn du Zeit hast.

Beitragsbild: unsplash.com / Hannah Wei

Helene

Helene ist Gastautorin bei "Der Jungreporter".

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