Pressefreiheit, ein System der selektiven Empathie? Die vergessene Verantwortung.

Anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit am 3. Mai dreht sich bei uns an diesem Wochenende alles um Pressefreiheit.

7 Minuten Lesezeit

1849 wurde in einem deutschen Staat erstmalig ein Gesetz der Meinungs- und Pressefreiheit durch die Reichsverfassung verabschiedet. 100 Jahre später, nach einer Ära, die Deutschland durch totalitäre Regierungen, der Meinungs- und Pressefreiheit beraubt, wurde 1949 das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit durch Artikel fünf des Grundgesetzes manifestiert.


Die Pressefreiheit hat sich jetzt schon seit vielen Generationen in Deutschland als Selbstverständlichkeit eingebürgert. Doch ist das wirklich eine Selbstverständlichkeit? Deutschland befindet sich laut RSF (Reporter ohne Grenzen) auf Platz Elf der Rangliste der Pressefreiheit 2020. Damit gehört Deutschland zusammen mit Norwegen, Jamaika und Portugal zu den Top 15 Staaten, in denen Kriterien wie Medienvielfalt, Unabhängigkeit der Medien, journalistisches Arbeitsumfeld und Selbstzensur, rechtliche Rahmenbedingungen usw. stark für eine vorhandene Pressefreiheit sprechen. Im Gegenzug bilden Staaten wie Nordkorea, Turkmenistan, Eritrea, China, Dschibuti, Vietnam, Syrien, Iran, Laos, Kuba und Saudi-Arabien die zehn letzten Staaten von 180 Ländern. In diesen Ländern ist es der Presse nicht möglich, unabhängig vom Staat zu publizieren. Staat und Presse sind in diesen Fällen mehr oder weniger das Gleiche. Diese schon fast absolute Oppression von Meinungsäußerung wurde seit dem Ende der Diktatur Hitlers in Deutschland verboten. Bis heute ist die Presse nicht nur aber vor allem politisch gesehen ein mächtiges Mittel.
Es kann als Informationsquelle dienen jedoch auch als Propaganda verwendet werden. Dafür müssen wir in Deutschland historisch gesehen gar nicht so weit zurück gehen (siehe Reichspropaganda). Jegliche Unterdrückung gewisser Rechte ruft in uns Menschen das Bedürfnis hervor, ein solches Recht impulsiv und mit zunehmender Intensität noch stärker zu wollen. Das Bedürfnis des Menschen auf freie, uneingeschränkte Meinungsäusserung wurde 1948 von den Vereinten Nationen als Menschenrecht betitelt. Damit einhergehend entwickelten sich weltweit Medienlandschaften, es entfalteten sich verschiedene Kategorien des Journalismus, beziehungsweise von spezifischer Berichterstattung. Das ist genau das, was wir heute unter klassischem Journalismus verstehen. Die ganz simple Berichterstattung. Berichterstattung steht vor allem unter einem Leitfaden und der nennt sich Objektivität. Das soll heißen, dass eine Berichterstattung unabhängig von Einflüssen, Neigungen, Meinungen, Beurteilungen und oder Vorlieben des Berichterstatters erfolgen soll. Genau in diesem Fundament des Journalismus liegt ein unumgänglicher Paradox. Einerseits sind wir als Menschen in der Lage, durch unsere Sinnesorgane relativ “objektiv” Situationen zu beschreiben aber dies nur zu einem sehr kleinen Ausmaß. Beispielsweise können wir sehen oder spüren, dass es sich um einen runden Tisch handelt, das können wir dementsprechend dann auch berichten. Jedoch dürften wir nicht sagen, dass es ein schöner runder Tisch war, denn ob etwas schön ist oder nicht liegt nicht nur im Auge des Betrachters sondern ist auch stark kultur-und zeitabhängig. Andererseits erleben wir alles durch unsere eigene Wahrnehmung, welche absolut einzigartig gestaltet ist.

In diesem Sinne dürfen wir keine Urteile fällen, ob es besser ist, einen runden oder eckigen Tisch zu benutzen, denn dies ist wie alles andere auch situationsabhängig. Dieses journalistische Paradox befindet sich in allen Berichten. Wichtig anzumerken ist, dass es natürlich die Aufgabe des Empfängers ist, zu dechiffrieren, was objektiv und subjektiv zu handhaben ist, dennoch betrifft es genauso gut den Berichterstatter, immer auf die eigenen, einzigartigen Eindrücke hinzuweisen. Der Journalismus wirft uns also vor zwei große Probleme. Einmal die Notwendigkeit den Anspruch auf Objektivität zu verlieren, dieser Anspruch lässt sich gut mit dem zweiten Punkt verbinden, welcher sich darin formuliert, selektive Empathie simple gesagt zu revolutionieren. Wenn man sich die Unterschiede der Medienaufmerksamkeit anschaut, wird schnell sichtbar, was in unserer Gesellschaft als wichtig und weniger wichtig pointiert wird. Ein recht zeitnahes Beispiel hierfür ist das Feuer in der Kathedrale von Notre Dame im Vergleich zu den fünf Wochen später auftretenden Sudan Massakern. Notre Dame erhielt wochenlange Medienberichterstattung in Zeitungen, Tagesschau und vielen anderen Nachrichtenplattformen auch. In weniger als zwei Tagen kamen Spenden im Wert von über einer Milliarde Euro zusammen. Das Sudan Massaker, was vom 03. bis 11. Juli 2019 anhielt, wurde am 05. Juli einmal in der Tagesschau erwähnt und da ging es nicht um das Massaker und die damit einhergehenden vielen, unterschiedlichen Verbrechen. Die Tagesschau berichtete von der Vereinbarung einer Übergangsregierung. Damit wurde die Problematik und Dringlichkeit des Themas erst einmal begraben. Spenden gab es keine.

Pressefoto des Jahres 2019, Foto: Yasuyoshi Chiba (Agence France-Presse), worldpressphoto.org
Pressefoto des Jahres 2019, Foto: Yasuyoshi Chiba (Agence France-Presse), worldpressphoto.org

Die Medien haben eine riesige Verantwortung, keine Frage. Ihre Nachrichten prägen willkürlich oder unwillkürlich die Meinungen der Menschen im Land. Selektive Empathie findet statt, denn jeden Tag müssen die Medien entscheiden, über was berichtet wird und was bedeckt bleibt. Und diese Entscheidung wird durch keinen Zufallsgenerator getroffen. Wir entscheiden darüber, was wichtig und eher unwichtig ist. Die Welt ist groß und die Möglichkeiten von Nachrichten, die berichtet werden können, ist und wird immer unendlich bleiben, doch die Prioritäten müssen gerichtet werden. In Bezug auf die Kathedrale von Notre Dame und die Sudan Massaker bedeutet dies, dass die Abwägung von Priorität zwischen Gebäude und Menschenleben stattfinden muss. Und diese Abwägung der Prioritäten sollte gründlich geführt werden. Wir sollten uns von dem Anspruch der Objektivität als Presse und Medien distanzieren. Wenn wir unseren LeserInnen, ZuschauerInnen oder HörerInnen Objektivität versprechen, beanspruchen wir erstens die Wahrheit und zweitens nehmen wir den LeserInnen das Gefühl der Notwendigkeit die Sachverhalte kritisch zu hinterfragen. Die Pressefreiheit bildet hierzu das Fundament, was uns die Auseinandersetzung damit erst ermöglicht. Es ist unsere Aufgabe, diesen Grundbaustein nicht durch Fake News und Hetzerei verschimmeln zu lassen, denn sobald die Basis einmal am schimmeln ist, dauert es nicht lang und das darauf aufgebaute Gut wird konsequent mäßig angegriffen.

Teresa Juen

Ich bin Teresa, 20 Jahre alt & schreibe hin und wieder für "Der Jungreporter".

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