Bahnhof Herrath, Mönchengladbach, Nordrhein-Westfalen
Bahnhof Herrath, Mönchengladbach, Nordrhein-Westfalen - Foto: Peer Schwiders

“nextTicket” – Die Zukunft des Nahverkehrs?

6 Minuten Lesezeit

Ein häufiger Grund weshalb viele Menschen nicht den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) benutzen sind hohe Ticketpreise, die oft auf komplexe Tarifsysteme zurückzuführen sind. Ein Ansatz gegen die Komplexität dieses Tarifdschungels ist das Bezahlen nach per Luftlinie zurückgelegten Kilometern. Dieser wird nun seit letzter Woche im größten Nahverkehrsballungsraum Europas, dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) getestet. Ein Erfahrungsbericht.

Screenshot der NextTicket-App
Screenshot der NextTicket-App

Um das von vielen Verkehrsexperten als “Zukunft des Nahverkehrs” angepriesene Modell zu testen, muss ich zunächst knapp 20 Minuten auf meinem Fahrrad in ein kleines Dorf nahe meiner Heimatstadt Erkelenz fahren. Denn erst am zugewachsenen und unscheinbaren Haltepunkt in Herrath kann ich den neuen Tarif benutzen, die Übergangstarife zu anderen Verkehrsverbünden gelten nicht.

Ich bin zu früh und mit dem flimmernden Hinweis auf die geltende Maskenpflicht auf der Fahrgastinformation alleine, also will ich am Automaten herausfinden wie viel ich ohne das neue Tarifmodell bezahlen würde. Mein heutiges Ziel ist der Düsseldorfer Hauptbahnhof, ein “Einzel Ticket Erwachsener” in die Landeshauptstadt würde mich normalerweise 12,80€ kosten.

Hohe Ticketpreise sind häufig Ursache von komplexen Aufteilungen

Bei der Ursachensuche für diesen hohen Preis für eine rund 46 Minütige Bahnfahrt werde ich schnell fündig. Die 7300 km² des Tarifgebietes sind meistens nach Städten in fast 90 Gebiete aufgeteilt, der Preis steigt normalerweise mit der Anzahl der durchquerten Gebiete. Fair für die Verbraucher ist das nicht – schließlich hat man keinen Einfluss auf die Routen von Bussen und Bahnen und die Abgrenzungen der Tarifgebiete.

Das Modell “nextTicket” soll dieses Problem lösen, indem es die Luftlinie zwischen beiden Stationen berechnet und zudem noch garantiert, keinesfalls teurer als die VRR “Einzel Tickets” zu sein. Konkret wird eine Grundgebühr von 1,40€ plus 0,26€ je angefangenem Kilometer Luftlinie berechnet. In meinem Beispiel habe ich mit einer Website die Luftlinie gecheckt und tatsächlich die genaue Berechnung des günstigeren Ticketpreises nachvollziehen können.

Screenshot der NextTicket-App
Screenshot der NextTicket-App

Als einer von bis zu 15.000 Testern kann ich nun beispielsweise ein Jahr lang für 9,98€ statt 12,80€ nach Düsseldorf fahren. Für einen häufigen Bahnfahrer ohne Monatskarte wie mich würde sich das neue Modell finanziell definitiv lohnen.

Welche Hürden bringt die Digitalisierung des Nahverkehrs mit sich?

Von der technischen Umsetzung ist das “nextTicket” mit einem E-Ticket vergleichbar, welches einen generierten Code darstellt und bei einer Fahrkartenkontrolle einfach eingescannt werden kann. Bevor man in ein Verkehrsmittel steigt, wählt man die per GPS vorgeschlagene Haltestelle aus und checkt dann ein. Beim Erreichen des Zielortes wiederholt sich das Prozedere, nach wenigen Sekunden erhält man außerdem per Mail eine Bestätigung und den Zugangslink zur Abrechnung (erfolgt entweder über das SEPA-Lastschriftverfahren, Kreditkarte oder PayPal).

Keine “Datenkrake” – aber auch keine Anonymität

Die Menge der erhobenen Daten durch die App ist ziemlich überschaubar. nextTicket verlangt zur Registrierung neben Angaben wie Name, Geburtsdatum, Geschlecht, Adresse und E-Mail Adresse lediglich die Einrichtung einer Sicherheitsfrage und die Daten der hinterlegten Zahlungsmethode.

Screenshot der NextTicket-App
Screenshot der NextTicket-App

Aus technischer Sicht werden der Standort (GPS-Koordinaten u. Geschwindigkeit) und auch die Ausrichtung des Handys erfasst, die Kartengrundlage kommt nicht etwa von Google Maps sondern den freien Kartendaten von OpenStreetMap. Für die Erstellung des virtuellen Tickets werden neben den grundsätzlichen Daten wie einer eindeutigen Auftragsnummer und dem genauen Datum nur die zurückgelegte Strecke inkl. der passierten Haltestellen erfasst.

Dennoch stellt sich die Frage, ob bei einer flächendeckenden Einführung des Systems nicht die Anonymität eingebußt wird, da das Ticket mit den personenbezogenen Daten verknüpft wird und dem Verkehrsverbund somit die genauen Reisedaten vorliegen. Die Lösung dieses Problems könnte aus den benachbarten Niederlanden übernommen werden. Dort kann man anonym Chipkarten erwerben, an den Zugängen zu jeder Haltestelle finden sich entsprechende Geräte zum Ein- und Auschecken. Somit wäre auch die Nutzung des günstigeren Tarifs für Menschen ohne Smartphone gewährleistet.

Im VRR ist man davon noch weit entfernt. Bis Juni 2021 dürfen maximal 15.000 Menschen das Angebot nutzen, diese bekommen laut Medienberichten bei einer häufigen Nutzung des Angebots bereits ab der fünften Fahrt innerhalb von 30 Tagen 10% und ab der 20. Fahrt 50% des Fahrpreises erlassen.

Weitere Funktionen im Tarif bieten die Möglichkeit zur Mitnahme von Kindern zu einem Festpreis sowie die Fahrradmitnahme oder das Upgrade in die erste Klasse. Dennoch muss der Fahrgast ein ausreichendes Datenvolumen und einen aufgeladenen Handyakku gewährleisten und außerdem daran denken, nach dem Ausstieg noch aus der Fahrt auszuchecken.

Fazit: Ein gutes, aber nicht final durchdachtes Angebot

Die Preisgestaltung ist fairer als im bisherigen Tarif, allerdings lässt sich das Angebot nur im VRR und nicht auf Übergangstarifen sowie in anderen Verkehrsverbünden benutzen. Der Datenschutz ist passabel gelöst, dennoch fehlt eine Lösung zum anonymen Reisen. Technisch arbeitet die App genau und einwandfrei, eine Installation ist jedem zu empfehlen, der Wert auf unkompliziertes und preiswertes Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln des VRRs legt.

Peer Schwiders

Ich bin seit meiner frühen Kindheit medienverrückt, moderierte im Alter von neun Jahren zum ersten Mal beim Radio und durfte im Laufe meiner Jugend dann europaweit für mehrere Medien die Proteste verschiedenster Umweltorganisationen begleiten und dokumentieren. Bei "Der Jungreporter" schreibe ich hauptsächlich über Debatten rund um (Bildungs-)Politik und Medienkritik, derzeit nehme ich außerdem am internationalen Projekt "Media & Me" teil und leite ein Online-Medium zur politischen Partizipation Jugendlicher.
In meiner Freizeit trifft man mich im Ruhrgebiet im Umfeld des FC Schalke 04 und beim Spazieren mit meinem Hund in der Natur.

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