Wim Hof während einer Bergbesteigung
Foto: Facebook Wim Hof

Liegt der Schlüssel in der Kälte? – Wim Hof VS. Coronavirus

18 Minuten Lesezeit

Seit einigen Wochen machen aufgrund des Coronavirus fast alle Länder nach außen, sowie innen dicht. Das soziale Leben steht still, die Wirtschaft befindet sich im Sinkflug, und wir drehen Zuhause langsam, aber sicher alle durch. Der niederländische Extremsportler Wim Hof hält unter anderem den Rekord für das längste Eisbad. Seine Atemtechnik macht es möglich. Wir erklären was dies mit unserem Immunsystem und den Coronavirus zu tun hat.

Den meisten brennt jetzt die Frage, wie lange man so ein Zustand andauern kann, ohne Langzeitschäden verbüßen zu müssen. Nicht nur Unternehmen sorgen sich um ihre Zukunft. Auch junge Menschen in der Ausbildung oder im Studium sehen mit missvergnügtem Blick auf kommende Zeiten am Arbeitsmarkt. Wir sorgen uns um unsere Eltern und Großeltern, oder einfach um Freunde, die vielleicht vorerkrankt sind. Andererseits wollen wir jetzt auch mal wieder rausgehen, uns treffen und das Wetter genießen. Kurz gesagt, die Beschränkungen nerven langsam, sie sind aber leider wichtig. Finanzminister Olaf Scholz und Gesundheitsminister Jens Spahn verdeutlichten bereits mehrfach, dass die Gesundheit der Bevölkerung Vorrang habe, und dass man die Beschränkungen so lange wie eben nötig aufrechterhalten werde, allerdings auch nicht länger als nötig. Denn wenn das noch lange so weiter geht, säuft unsere Wirtschaft ab und wir können schauen wo das Geld bleibt. Das Fazit: Die Zukunft ist ungewiss und für viele nicht gerade rosig. Man steht im Sturm zwischen Hiobsbotschaften und selbsternannten Experten, welche die Pandemie als Grippewelle abtun. Das Schauen der Nachrichten wirkt wie ein Horrorfilm. Ein Hoffnungsschimmer kommt aus den Niederlanden. Wim Hof, auch bekannt als der „Ice-Man“ entwickelte über Jahre Hinweg spezielle Methoden, die uns jetzt durch diese schwere Zeit helfen könnten. Weltweit hat er bereits hunderttausende Anhänger gefunden und in seinen Studien bahnbrechende Entdeckungen über den Menschen gemacht.

Wie geht es nun weiter?

Da man im Moment weder Impfstoff noch Medikamente zur Hand hat, versucht man die Epidemie zum Bedauern der Allgemeinheit mit Kontakt-, oder Ausgangsverboten einzudämmen. Bis man wirksame Mittel zur Bekämpfung der Virus entwickelt hat wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Gibt es denn jetzt keine Möglichkeit unser Immunsystem auch ohne Medikamente entsprechend auf einen harten Kampf vorzubereiten und Im Falle einer Infektion einen schweren Verlauf zu vermeiden?

Vielleicht Schon! Und der Schlüssel dazu könnte nicht näher liegen und banaler sein: Kälte, Sauerstoff und ein wenig Konzentration, das wars! Allerdings sollten wir vorher klären, wie unser Körper auf Viren reagiert: Befällt ein Virus zum Beispiel die Rachenschleimhaut, nistet es sich dort in Gewebezellen ein und vermehrt sich. Diese Zellen verändern sich daraufhin so, dass sie von sogenannten Wächterzellen erkannt werden können. Diese Wächterzellen wandern dann durch Lymphe und Blut und präsentieren das Antigen des Erregers den Plasmozyten, Lymphozyten und „Fresszellen“, welche dann entsprechend das Virus bekämpfen. Die Plasmozyten produzieren bestimmte Antikörper um Viren, oder von ihnen befallene Zellen, zu „verklumpen“. Diese Verklumpungen locken Fresszellen an, welche diese dann zersetzen. Die Zeit, die zwischen dem Erkennen des Erregers und dem Eintreten der Immunantwort vergeht, nennt man Inkubationszeit und diese beträgt beim Coronavirus 5-6 Tage. Wenn das Immunsystem das Antigen bereits kennt, sei es durch Impfung oder wiederholten Kontakt, wird der Erreger schneller erkannt, direkt der passende Antikörper produziert und die Infektion damit im Keim erstickt. Das ist Prinzip der Immunität, aber jetzt zurück zur Kälte.

Die Wim Hof Methode

Wenn du diese jetzt aber mit dem Krankwerden verbindest, kennst du Wim Hof noch nicht! Seine Methode besteht im Wesentlichen aus der Entkopplung von Kälte und Schmerzempfinden wodurch sich unsere Stressantwort grundlegend verändert. Statt mit negativem Stress wie Panik und Fluchtverhalten, reagiert der Körper daraufhin quasi mit Entspannung. Wie das wohl geht?  Der mittlerweile sechzigjährige Niederländer forscht sozusagen im Selbstexperiment seit Jahrzehnten nach Wegen, Körperfunktionen, wie z.B. den Hormonhaushalt und das Immunsystem willentlich zu kontrollieren und so den Körper in extremen Situationen effizient zu halten. Er wurde mit zahlreichen Weltrekorden bekannt. So saß er fast zwei Stunden im Eisbad, lief nur in Shorts bekleidet einen Marathon am Polarkreis bei -15°C und wies über jahrelange Zeiträume keine Krankheiten auf. Wie kann das sein, und warum werden wir überhaupt leichter krank, wenn es kalt ist? Naja, der Körper muss sich irgendwie am Leben halten. Wenn er auskühlt produziert der Körper, anstatt Energie in die Immunabwehr zu stecken, lieber Wärme. Erreger haben es so leichter, uns zu befallen.

Jedoch nicht bei Wim. Durch das Kältetraining stärkt Wim die winzig kleinen Muskeln und die kleinsten Blutgefäße unserer äußeren Hautschicht. Lernen diese Muskeln sich schnell zusammenzuziehen, wirkt die Haut wie eine Isolationsschicht und Kälte kommt schwerer durch. Darauffolgend wurde nachgewiesen, dass Wim durch Kältetraining einen großen Anteil brauner Fettzellen aufbauen konnte, welche eigentlich im Säuglingsalter verschwinden. Diese Zellen sind vermehrt bei Tieren zu finden, die Winterschlaf halten. Ihre Hauptaufgabe ist es, Wärme zu produzieren. Wenn uns kalt wird, fangen wir normalerweise an zu zittern oder zu frösteln, um uns durch Muskelaktivität warmzuhalten. Aber mit einer größeren Anzahl brauner Fettzellen kann der Körper einfach „die Heizung aufdrehen“ indem durch Oxidation von Fettsäuren Wärme generiert wird. Wim schafft es also, seinen Körper zu isolieren und durch braune Fettzellen Wärme bereitzustellen, damit der Körper nicht auskühlt und das Immunsystem weiter reibungslos funktioniert.

Bild: Facebook Wim Hof

Doch nicht nur das: Regelmäßige Kälteexposition erhöht nachweislich die Produktion von Leukozyten, zu denen auch die oben erwähnten „Fresszellen“ gehören. Mehr Leukozyten bedeuten eine Immunantwort, die dem Erreger mit mehr Power entgegensteht. Doch das Kältetraining geht Hand in Hand mit einer speziellen Atemtechnik, deren Nachwirkungen vielleicht noch die moderne Medizin auf den Kopf stellen werden. Sie zielt darauf ab, das autonome Nervensystem, also das, was normalerweise von selbst im Körper abläuft, ohne dass wir es wissen oder beeinflussen könnten, zu kontrollieren. Wie allgemein bekannt ist, lässt sich der Körper nicht einfach so unvorbereitet mal in kaltes Wasser tauchen, ich glaube, jeder weiß das. Allerdings bezweifle ich, dass man das „warum“ dazu kennt.

In unserer Haut sitzen Millionen von Rezeptoren, sogenannte TRP-Kanäle. Diese werden z.B. durch Temperatur stimuliert und leiten den Reiz an das Gehirn weiter. Für extreme Kälte (unter 8°C) sind die darauf spezialisierten TRP-Kanäle mit Schmerzrezeptoren verbunden. Ist man also extremer Kälte ausgesetzt, wird ein Schmerzreiz ausgelöst und der erste Reflex ist, sofort aus der Kälte rauszukommen. Dabei geht der Cortisolspiegel stark nach oben. Um die Atmung verstehen zu können, müssen wir jetzt aber noch tiefer bohren. Ein Rezeptor wird einem aus einem ASIC genannten Protein aufgebaut und wenn sich drei solcher Proteine zusammenschließen, wird ein Schmerzreiz ausgelöst und das Gehirn schüttet Stoffe aus, die Panik und Stress verursachen. Dieser Flucht und Kampfmodus werden vom sympathischen Nervensystem ausgelöst. Das ist quasi das „Gaspedal“ des Körpers, infolgedessen gehen Herz und Atemfrequenz durch die Decke und alle nicht lebensnotwendigen Funktionen werden heruntergefahren. All das hängt mit dem PH-Wert im Körper zusammen. Dieser sinkt in Stresssituationen stark ab, was es den ASIC-Proteinen erlaubt einen Komplex zu bilden und einen Schmerzreiz auszulösen, welcher wiederrum das sympathische Nervensystem aktiviert. Dieses geht dann in den Fluchtmodus und verursacht Panik.

Eine spezielle Atemtechnik

Durch seine spezielle Atemtechnik kann Wim Hof seinen PH-Wert aber ansteigen lassen und so die Schmerzrezeptoren deaktivieren. Die Temperaturrezeptoren funktionieren noch, lösen aber keine Stressreaktion mehr aus, sondern senden dem Körper jetzt das Signal, braune Fettzellen zur Wärmeproduktion zu aktivieren und die äußere Hautschicht zur Isolation zusammenzuziehen. Doch Wim geht noch darüber hinaus: Durch den intensiven Eingriff seiner Atmung in die körperinnere „Chemie“, wie Wim es nennt, steigt sein PH-Wert soweit an, dass nun der Gegenspieler des sympathischen Nervensystems, das parasympathische Nervensystem, aktiviert wird. Dieses ist unter anderem für Regenerationsprozesse und auch für die Immunabwehr verantwortlich. Die Fähigkeit, diese Systeme beeinflussen zu können, galt in der Medizin bisher als ausgeschlossen. 2013 startete der Professor und Intensivmediziner Peter Pickers vom Radboud University Medical Centre folgende Studie: Eine Probandengruppe 24 junger Männer wurde so aufgeteilt, dass 12 Teilnehmer eine Woche lang mit Wim Hof seine Atmung, Kältetraining und Konzentrationstechniken erlernten, die anderen 12 Teilnehmer nicht. Anschließend erhielten alle Teilnehmer eine Endotoxin-Injektion. Eine spritze mit einem Gift, das Krankheitserregern ähnelt. Die 12 ungelernten Teilnehmer zeigten fast alle Symptome wie Fieber, Krämpfe und Gliederschmerzen. Die Gruppe, die unter Wim Hof trainierte, blieb komplett symptomfrei. Was die Forscher wirklich begeisterte, war der Unterschied darin, wie das Immunsystem beider Gruppen auf das Endotoxin reagierte. Tritt ein Erreger in den Körper ein wird bei „normalen“ Personen eine Entzündungsreaktion hervorgerufen und damit auch Symptome wie Fieber und Gliederschmerzen, verursacht durch die Entzündungs-Proteine IL-6, IL-8 und TNF-alpha. Als die von Wim trainierten Probanden während der Injektion ihre Atem- und Konzentrationsübungen durchführten, stieg sofort der Adrenalinspiegel an, und das höher als z.B. bei jemandem beim Bungee-Jumping. Adrenalin wirkt höchst entzündungshemmend und ist mehr als doppelt so effizient wie das stärkste bekannte entzündungshemmende Medikament. Infolge dieses Anstiegs aktivierte sich das parasympathische Nervensystem. Der Körper ging in den Regenerationsmodus und stellte nun das anti-entzündliche Protein IL-10 her, welches die Aktion, der eben genannten Entzündungs-Proteine unterdrückt. Durch das Ausfallen der Entzündungsreaktion bekämpfte das Immunsystem den Erreger nun „im Stillen“, ohne die sonst so unangenehmen Symptome einer Krankheit. Hier ist wichtig zu wissen, dass der im Körper angerichtete Schaden oft durch das Immunsystem selbst verursacht wird. Wenn das Immunsystem seinen eigenen Ablauf nicht richtig Koordiniert, wie z.B. zu hohes Fieber oder eingetretene Gewebeschäden, dann ist es oft das eigene Immunsystem, welches die Leute bei schweren Verläufen sterben lässt. Und da die Probanden kurz vor der Injektion mit ihren Übungen begannen, war das Immunsystem beim Eintreten des Erregers bereits aktiviert und reagierte wesentlich schneller.

Und wie kann uns das jetzt während dieser Pandemie helfen? Nun ja, einerseits kann niemand versprechen, dass die Personen, die Wim Hofs Methode anwenden, nicht erkranken werden. Andererseits stärken sie so ihr Immunsystem. Die Reaktion ihres Körpers wird also im Falle einer Infektion effizienter und die Inkubationszeit aufgrund der Stimulation durch Atemübungen wahrscheinlich etwas verkürzt. Was vielleicht noch entscheidender ist, dass besonders bei Risikogruppen die Gefahr für schwere Symptome immens vermindert wird, da eine heftige Entzündungsreaktion höchstwahrscheinlich ausbleibt und der Körper das Virus „im Stillen“ bekämpft, wie bei den Probanden in der Studie. Allerdings ist die Wim Hof Methode keine Entschuldigung, geltende Schutzmaßnahmen zu vernachlässigen. Sie ist ein nachweislich wirkendes Training aber keine Garantie für Gesundheit.

Doch die Anwendung in der Pandemie ist nur die Spitze des Eisbergs, denn jetzt schauen wir uns mal den Effekt auf andere, viel gefährlichere Krankheiten an. Die Baupläne für Proteine, welche negativen Stress verursachen, sind in unserer DNA codiert. Um Baupläne in Proteine umzuwandeln braucht es sogenannte Transkriptionsfaktoren, welche den Bau bestimmter Proteine veranlassen. Im Falle der Entzündungsproteine handelt es sich um den Transkriptionsfaktor NF-kB. Dessen Aktivität wird wiederum vom Gegenspieler des „guten“ Adrenalins, dem „schlechten“ Cortisol, stimuliert, welches bei untrainierten Personen infolge von Stress ausgeschüttet wird. Die erhöhte Aktivität von NF-kB steht nachweislich im Zusammenhang mit erhöhten Risiken und sogar mit dem Verursachen von Krankheiten wie Knochenabbau, Herzproblemen, chronischen Lungenerkrankungen, Morbus Crohn, Krebs, sowie Typ-1 und Typ-2 Diabetes. Da wir durch unseren modernen Lebensstil quasi konstant kleinen Stressreizen ausgesetzt sind, weisen unsere Körper auch eine dauerhaft erhöhte Aktivität jenes schlechten Transkriptionsfaktors aus und wir sind quasi „dauerentzündet“, aber auf so niedrigem Niveau, dass wir es bewusst nicht mitbekommen.

Die Wim Hof Methode lässt statt dem Cortisol aber den Adrenalinspiegel ansteigen, welcher wiederum nachweislich die Aktivität von NF-kB auf ein normales Maß zurückschraubt. Was lernen wir nun daraus? Die Wim Hof Methode ändert unseren Umgang mit Stress zum Positiven. Sie stärkt unser Immunsystem und hat dazu vielversprechendes Potential in der Therapie anderer Krankheiten. Zurzeit wird sie experimentell zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen, Rheuma und verschiedenen Sorten von Krebs verwendet. Es gibt sogar Patienten jener Krankheiten, welche durch die Wim Hof Methode symptomfrei wurden. Doch da dies erst seit nicht allzu langer Zeit geschieht, kann bis jetzt niemand den erwünschten Effekt garantieren, um keine falschen Hoffnungen zu machen.

Was man sicher sagen kann ist Folgendes: Die Methode ist auf keinen Fall schädlich und wirkt. Auch wenn du gesund bist, könnte sie in deinem Umgang mit Stress helfen. Der therapeutische Effekt auf viele Krankheiten ist vielversprechend, von vielen Medizinern unterstützt und wird derzeit erforscht. Probiere doch einfach selbst mal aus, wie Kälte und Sauerstoff dir möglicherweise helfen kann – egal ob du krank bist, oder völlig gesund.

Beitragsfoto: Facebook Wim Hof

Valentin Krech

Hey, ich bin Valentin. Als Luftfahrt-Enthusiast verbinde ich gerne Aviation und Journalismus, bei Jungreporter werdet ihr von mir in Zukunft einige Beiträge zu diesem Thema finden, seid gespannt!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Kaputte Leitplanken auf der Autobahn bei Lyon

Unfall bei Lyon

Corona-Bonds: Eine europäische Zerreißprobe