Zwei Wochen Saarland-Modell: Meine Erfahrungen

Unsere Redakteurin Sophie blickt auf das “Saarland-Modell” und zieht ein persönliches Fazit über das Corona-Modell-Projekt.
Der Sankt Johanner Markt in Saarbrücken
Am Samstagnachmittag war reger Betrieb in der Saarbrücker Innenstadt. Foto: Der Jungreporter / Francesco Zimmermann

Seit dem 6. April 21 gibt es unter dem Motto “Impfen – Testen – Öffnen“ das sogenannte “Saarland-Modell”. Die Strategie des Modells zum Umgang mit der Corona-Pandemie basiert auf kostenlosen Schnelltests für alle Saarländer:innen und einem Ampelsystem. Bei einem stabilem Infektionsgeschehen bei einer 7-Tage-Inzidenz von unter 100 ist die Ampel Grün. Mit tagesaktuellem Schnelltest darf man wieder Kontaktsport im Außenbereich und kontaktfreien Sport im Innenbereich treiben, außerdem dürfen Theater, Konzerthäuser, Opernhäuser und Kinos öffnen. Man darf die Außengastronomie ohne Schnelltest mit bis zu fünf Personen aus maximal zwei Haushalten besuchen und mit negativem tagesaktuellem Schnelltest mit bis zu 10 Personen aus 10 Haushalten.

Heute, am 18. April 2021, ist die Ampel bereits seit einigen Tagen auf Gelb. Die 7-Tage-Inzidenz des Saarlandes liegt seit dem 9. April über 100 und liegt heute bei 125,6.  Das Schalten der Ampel auf gelb hat zur Folge, dass die Testpflicht auch auf den Einzelhandel und körpernahe Dienstleistungen ausgeweitet wurde. Sobald eine Auslastung der Intensivstationen droht, springt die Ampel auf rot und es wird ein „konsequenter Lockdown“ verhängt, so der Drei-Stufen-Plan der Landesregierung. Es gibt keinen festen Leitfaden, wann genau die Ampel auf Rot springen soll. Der Ministerrat des Saarlandes hat am vergangenen Samstag die Beibehaltung der Ampel auf Gelb beschlossen und zugleich die Testbedingungen verschärft. Demnach muss nun jeder in der Außengastronomie einen negativen Schnelltest vorweisen können.

Es muss uns nach einem Jahr Pandemie mehr einfallen als nur zu schließen und zu beschränken.

Saarländischer Ministerpräsident Tobias Hans (CDU)

Bundesweit wurde das Saarland-Modell mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Kritiker warnten vor schnell steigenden Infektionszahlen und sahen das Saarlandmodell als Gegenmodell zu einer bundeseinheitlichen Corona-Strategie. Aufgrund der Grenznähe und Gefahren durch Mutationen wurden dem Saarland zusätzliche Impfdosen geliefert. Karl Lauterbach kritisiert die Öffnungsschritte, denn er hätte sich vom Saarland gewünscht, genau diesen Impfvorsprung zu nutzen und „dementsprechend vorsichtig“ zu handeln.

Ich, ein junge Studentin, die sich so gut wie an alle Corona-Auflagen gehalten hat, habe mich auf das Saarland-Modell gefreut. Endlich nicht mehr nur spazieren, endlich wieder „relativ“ sorgenfrei eine Gruppe von Freunden treffen und die Großeltern besuchen. Warum relativ? Die Schnelltests sind nicht so zuverlässig wie im Labor ausgewertete PCR-Tests. Sie liefern keine hundertprozentige Garantie, dass eine negativ getestete Person auch wirklich nicht infiziert ist. Aber ich bin der Meinung, ein negativer Schnelltest ist besser als keiner.

Der Lockdown in Deutschland ist seit Mitte Dezember „hart“, aber schon in den sechs Wochen des „Lockdown-Light“ habe ich relativ zurückgezogen gelebt und sogar am letzten Wochenende vor den Schließungen von „allem was Spaß macht“, eine Einladung auf eine Geburtstagsfeier in einer Kneipe abgesagt. Aus Angst und aus Pflichtbewusstsein. Ein Dank geht hiermit an alle, die sich auch an die Corona-Auflagen gehalten haben und mit deren Hilfe es möglich war, die 7-Tage-Inzidenz im Saarland auf 56,05 am 19. Februar 2021 zu senken.

Ich kenne einige Leute, junge und ältere, die sich trotz der Lockerungen und Testmöglichkeiten und steigender Impfrate, nicht heraus trauen, um Teil des Saarland-Modells zu sein. Ich kann alle gesundheitlichen Bedenken meiner Mitmenschen verstehen und respektiere sie. Doch für mich war klar, dass ich auch trotz seit vor Ostern steigender Infektionszahlen das Saarland-Modell ausnutzen will, um nochmal etwas anderes zu sehen und zu erleben.

Direkt zum Start des Modells war das Wetter leider sehr kalt und nass. Keine guten Bedingungen für die Außengastronomie. Am ersten Modell-Wochenende hat das Wetter dann aber doch mitgespielt und ich konnte mit fünf weiteren Freunden in der Innenstadt die Außengastronomie testen. Der Tag war geprägt von guten, aber auch schlechten Erfahrungen. Ich beginne mit den Guten: Ich konnte problemlos für sechs Personen einen Tisch für den Abend reservieren und hatte mit Freunden eine schöne Zeit an der frischen Luft vor einer Cocktailbar in einer Seitenstraße.

Testzentrum in Saarbrücken
Vor einem Saarbrücker Testzentrum stehen am Samstagnachmittag über 40 Personen an. Foto: Der Jungreporter / Francesco Zimmermann

Auf dem St. Johanner Markt in Saarbrücken habe ich allerdings schlechte Erfahrungen gemacht. Es handelt sich dabei um jenen Markt, auf dem am 17. April 400 bis 500 Feierwütige die Kontrolle über sich selbst und ihr Gewissen verloren zu haben scheinen. In der Außengastronomie am St. Johanner Markt kam man schon am 9. April mit Reservierungen nicht weit. Es galt das Motto: First come, first served. Die Tische waren alle besetzt und drum herum geierten viele Leute darauf, dass endlich ein Tisch frei wird und man sich setzen konnte. Ich kann die Menschen verstehen, die dieses Warten, Ausschau halten, Passanten ausweichen und dann doch keinen Platz finden, in Kauf nehmen, um die Chance zu haben, doch mal wieder auswärts zu essen oder Einen zu trinken. Was ich allerdings nicht verstehen kann, ist, dass diese Menschen keine Maske tragen, obwohl auf diesem Markt seit mindestens Dezember Maskenpflicht gilt. Noch weniger kann ich verstehen, dass diese Maskenpflicht, die zu Beginn noch mit Aktionstagen durchgesetzt wurde, jetzt nichtig scheint und von der Polizei nicht durchgesetzt wird. Ich habe an diesem Tag mehrere Streifenwagen gesehen, die auf dem St. Johanner Markt standen, die Lage beobachtet haben, es aber anscheinend nicht für notwenig hielten, die Vielleicht-Außengastronomie-Besucher und die Passanten an ihre Pflichten in der Pandemie zu erinnern.

Jetzt ist es eine Woche später. Gestern war ich wieder in der Außengastronomie, diesmal mittags und diesmal wirklich auf dem St. Johanner Markt. Zu meiner Überraschung konnte ich einen Tisch für zwei Personen im Vorfeld reservieren und nach Vorzeigen meines negativen Tests auch mit Abstand zu anderen Gästen meine Bestellung genießen. Im weiteren Verlauf habe ich verschiedene Geschäfte in der Bahnhofstraße, die Einkaufsmeile von Saarbrücken, besucht. Nach einiger Wartezeit in jedem Geschäft habe ich meinen Test vorgezeigt und konnte dann entspannt shoppen. Gegen 19:00 Uhr habe ich die Innenstadt verlassen. Die Anzahl der Polizeiautos war an diesem Tag auffällig.

Diese hohe Polizei-Präsenz ist einer der Gründe, warum ich nicht nachvollziehen kann, was am Samstagabend am St. Johanner Markt passiert ist. Um kurz vor 14 Uhr am heutigen Sonntag habe ich eine Nachricht von einer Freundin aus Bonn erhalten: „Was muss ich hier über die Saarbrücker lesen ?!“. Die Nachricht klingt empört– zu Recht! Kurz danach öffne ich Instagram und sehe ein Video, aufgenommen nur wenige Meter von dem Platz entfernt, an dem ich mittags gespeist habe. In dem Video sind viele Menschen, die auf dem St. Johanner Markt sehen, dicht an dicht, mit Getränken in der Hand. Der Clip trägt die Aufschrift: „Saarland lebt wieder😍😍 und der Repostende ergänzt, wieder zu Recht: „Wie kann das sein?! 😡😡

Ich frage mich auch, wie kann das sein? Ich sehe größtenteils junge Menschen in dem Video, nur zwei von ihnen mit Maske. Wie kann das sein, dass ihr merklich viel zu dicht beieinander seid oder doch viel zu dicht, um es zu merken? Wie kann es ein, dass man Glück haben muss, um im Saarland-Modell eine Außengastronomie zu finden, die Reservierungen annimmt und wie kann es sein, dass Polizeiwägen in Zonen mit Maskenpflicht umgeben sind von Menschen, deren Nase man sehen kann? Wie kann das Saarland-Modell auf Funktionalität geprüft werden, wenn die Spielregeln nicht eingehalten werden? Genau, es geht nicht!

Es darf nicht sein, dass die Politik den kleinen Finger reicht und die ganze Hand genommen wird. Jetzt habe ich die Befürchtung, dass ich wegen dieser Feierwütigen nächsten Freitag nicht wieder ganz gesittet ausgehen darf. Dass wieder die Museen, das Theater, die Sportvereine, die Kinos, das Minigolf und was nicht noch alles unter der Inkonsequenz und dem Pflichtunbewusstsein leiden müssen. Ich will auch nur, dass es vorüber geht, aber solche Aktionen bewirken das Gegenteil.

Leider ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit bis die Ampel auf Rot geschaltet wird und ein neuer Lockdown beginnt.

P.S.: Ein mit Folie umhüllter Wintergarten mit einer kleinen “pro forma” Öffnung zum Lüften ist keine Außengastronomie!

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