Silentium Project Foto: Martinho Cruz
Das Silentium Project - Foto: Martinho Cruz

Wie Künstler inspiriert werden – Das Projekt der Stille

14 Minuten Lesezeit

Für den 18-jährigen Portugiesen Martinho Cruz ist Stille mehr als die Abwesenheit von Geräuschen – in ihr verbergen sich laut ihm die wahren Gefühle des Menschen. Mit seinem ungewöhnlichen Silentium Project möchte er den Menschen helfen, durch Kunst diese Stille zum Klingen zu bringen. Dabei kann Kunst für ihn durch jede Art von Inspiration entstehen, wenn man sich selbst ungefiltert zuhört. Seine Ausdrucksform ist das Schreiben.

Im Februar 2019 rief er dafür die Marke Silentium Project ins Leben. Als Unternehmer möchte er sich aber nicht bezeichnen, es sei zu sehr mit dem Kapitalismus verbunden. Lieber nennt er sich Künstler getreu seinem Motto: Da du Gefühle hast, bist du ein Künstler. Interessierten bietet die Webseite silentiumproject.com für wenig Geld (ab 49 Euro) Kurse zur Erweiterung ihrer künstlerischen Fähigkeiten. Eine Illustration für ein Gedicht ist ab 7 Euro zu haben. Neben privatem Ersparten ist dies die einzige Einnahmequelle.
Im Interview mit Der Jungreporter spricht er mit uns über sein Engagement.

Der Jungreporter: Wie genau hilft deine Marke Menschen, ihrer Stille zu lauschen und sich künstlerisch auszudrücken?
Martinho Cruz: Es hängt davon ab, auf welche Ebene die Person ist. Wir helfen Menschen hauptsächlich auf drei Wegen. Der erste ist: Inspiriere Menschen, sich selbst durch das Schaffen von Kunst auszudrücken, indem man versteht, dass jeder ein Künstler ist. Der zweite Schritt ist, Menschen beizubringen, wie man das richtig macht. Deshalb bieten wir ein Coaching Programm an. Menschen, die also zum Beispiel mehr über Lyrik schreiben auf Englisch lernen möchten, oder Musik, oder Filmen oder Fotografie, erhalten ein Coaching. Wir haben ein Team von fünf Coaches, die persönlich mit Menschen zusammenarbeiten. Die Mehrzahl der fünf sind international prämierte Künstler*innen. Sie bringen Menschen bei, entweder ein Instrument zu lernen oder ihren eigenen künstlerischen Ausdruck zu entwickeln. Dadurch kommen sie ihren künstlerischen Zielen und Träumen näher. Und dann der dritte Schritt, der darin besteht, die Künstler*innen loszuschicken. Dieser Punkt ist sehr stark mit dem Einreichungsprogramm verbunden, das wir aufgestellt haben. Man stellt entweder seine Musik oder seine Lyrik vor und erhält dann eine Behandlung. Drei Sachen: Die erste sind exklusive Materialien für die hochgeladene Kunst, zum Beispiel Musikvideos oder Lyrikbilder von Professionellen für lachhaft wenig Geld, da wir die Ausgaben heruntergeschraubt haben. Das Ziel ist, die Materialien für jeden erschwinglich zu machen. Wir glauben, dass künstlerische Qualität für jeden erreichbar sein sollte. Dazu erhalten sie Feedback. Falls wir die Bewerbung annehmen, kann es auf unseren sozialen Plattformen vorgestellt werden.
Diese drei Schritte muss man nicht von Anfang an nehmen, es ist möglich, bei Schritt drei einzusteigen. Auf unserer Website silentiumproject.com haben wir einen Reiter mit dem Titel “Coaching”. Dort findet man alle Informationen zur Bewerbung. Neu hat der Relaunch den Marketing Content gebracht und die Zusammenarbeit mit den prämierten Künstler*innen. Zu ihnen habe ich die Verbindung erst aufbauen können, nachdem ich die Website und die Marke schon ein wenig aufgebaut und etabliert hatte.

WEITERLESEN NACH DER ANZEIGE


Der Jungreporter: Was genau waren deine erste Schritte bei Silentium Project?
Martinho Cruz: Seit ich klein war, mag ich es zu schreiben. Aber das erste Mal, das ich mich wirklich hingesetzt habe, um zu schreiben und alles auf einmal herausfloss, war im Dezember 2017. Ich fühlte etwas wirklich Starkes und setzte mich instinktiv hin, um zu schreiben. Um mit meinen Gedanken Schritt zu halten, musste ich echt schnell schreiben. Im Laufe des nächsten Jahres entwickelte ich mein Schreiben. Auf dem Papier drückte ich Dinge aus, von denen ich nicht mal gewusst hatte, dass ich sie fühlte. Das wollte ich an andere weitergeben – die Grundidee von Silentium project. Der Anfang war sehr hart. Ich war alleine, erst 17 und hatte kein Geld. Ich musste die Website aufbauen, das Marketing betreiben. Dabei habe ich viele neue Sachen gelernt und ich hatte das Gefühl, dass es meine Bestimmung war.

Der Jungreporter: Von wem hast du Unterstützung erhalten?
Martinho Cruz: Moralische von meiner Freundin, finanzielle von meinen Eltern. Dazu haben mir Menschen aus der Lokalpolitik geholfen.

Der Jungreporter: Du hast schon erwähnt, dass du kein Interesse an Geld hast. Was also ist das Ziel von Silentium Project?
Martinho Cruz: Geld interessiert mich wirklich nicht. Mein ultimatives Ziel ist, mir selbst zu helfen und auf dem Weg auch anderen eine Hilfe zu sein. Vielleicht befreien sie sich von allen Zwängen und lernen, sich künstlerisch ganz auszudrücken. Deswegen lebe ich für den Prozess. Im Moment habe ich das Gefühl, dass Silentium Project mich dazu bringt, zu erleben, was ich erleben möchte. Früher habe ich immer gesagt, dass meine drei Ziele im Leben wären: Lebe schnell, sterbe jung und sei frei. Schnell zu leben, bedeutet nicht kurz, jung zu sterben bedeutet nicht früh und frei zu leben ist – ja, frei zu leben.

Der Jungreporter: Wie waren die Rückmeldungen bisher?
Martinho Cruz: Ab Frebuar 2019 hatten wir noch eine andere Version des Bewerbungsverfahren – ohne den Marketing Content. Innerhalb der vier oder fünf Monate, die das Programm gelaufen ist, erhielten wir 600-700 Einreichungen. Es war verrückt. Seit Ende Juli ist das Portal wieder offen. Da ich im Moment noch einen Videoeditor suche, ist das Marketing allerdings nicht ganz angelaufen. Danach wird auch das neue Programm richtig starten und abheben – ich bin mir sicher.

Der Jungreporter: 600-700 ist eine Menge. Wie lest ihr all diese Bewerbungen?
Martinho Cruz: Grundsätzlich akzeptieren wir alle – nach dem Grundsatz, dass jeder ein Künstler ist. Das heißt alle erhalten Rückmeldungen – auf unserer Social Media Plattform werden allerdings nicht alle Werke veröffentlicht. Das können wir nicht garantieren. Die 600-700 Bewerbungen zu lesen war sehr anstrengend. Damals hatte ich auch noch kein großes Team. All diese Lieder anzuhören und Gedichte zu lesen hat mich zum Kämpfen gebracht. Am Ende habe ich sie Stück für Stück durchgearbeitet – ein paar wenige Werke müssen noch veröffentlicht werden.

Der Jungreporter: Zwar bist du selbst Künstler, doch erst 18 Jahre alt. Wie gibst du professionelle Rückmeldungen für die eingereichte Kunst?
Martinho Cruz: Zuerst kommen die Einreichungen bei mir an. Wenn es Musik ist, leite ich sie dann an den Musik Coach weiter oder bei Lyrik an den Lyrik Coach. Dieser hilft mir dann, ein professionelles Feedback zu erarbeiten.

Der Jungreporter: Du hast schon erwähnt, dass ein Coach aus Brasilien kommt. Doch was tust du, wenn deine Muttersprache weder Portugiesisch noch Englisch ist?
Martinho Cruz: Wir haben Teammitglieder aus sechs verschiedenen Ländern. Zwei aus den USA, eine person aus Madrid, Oslo, Niederlande, Brasilien. Ich habe versucht, die Teammitglieder nach den am meisten gesprochenen Sprachen auf der Welt auszusuchen. Deutsch und Serbisch sind etwa auch dabei. Wir akzeptieren Einreichungen auf allen Sprachen. Allerdings hängt die Veröffentlichung auf unseren Plattformen vor allem von der Sprache ab. Außerdem wird unsere Rückmeldung schwieriger sein, wenn wir die Sprache nicht verstehen.

Der Jungreporter: Wenn du von “Wir” sprichst, wen meinst du?
Martinho Cruz: Gerade sind es neun, mit dem Videoeditor zehn Teammitglieder. Ganz oben bin ich (lacht). Dann kommt meine Freundin – ein wirklich wichtiges Mitglied. Sie gibt mir Tipps und Rückmeldungen. Ich kann sagen, dass sie eine Sekretärinnenaufgabe übernimmt. Zusätzlich gibt es die fünf Coaches und zwei Menschen für den Marketing Content.

Das Silentium Project Foto: Martinho Cruz
Martinho Cruz auf der Bühne – Foto: Silentium Project

Der Jungreporter: Warum hältst du kreative Ausdrucksformen für so wichtig?
Martinho Cruz: Es geht auf jeden Fall nicht darum, irgendwas zu erzwingen. Leider kenne ich viele Künstler, die sich hinsetzen und sagen: jetzt schreibe ich ein Lied. Das hat mit Kreativität nichts zu tun. Wenn sie kommt, sollte man es einfach laufen lassen. Zusätzlich kann man natürlich etwas für eine passende Umgebung tun – etwa das Licht ausmachen.

Der Jungreporter: Was glaubst du, inwiefern deine Vergangenheit als leistungsorientierter Tennisspieler deinen Weg mit Silentium Project beeinflusst hat?
Martinho Cruz: Mein Leben von sechs bis 14 Jahren drehte sich nur um Tennis. Es ist merkwürdig für mich, meine alten Spielpartner im Fernsehen zu sehen. Ich glaube, dass ich die Fertigkeiten von dieser Zeit vor allem auf einer mentalen Ebene einbringen kann. Vor allem meinem Vater hat mich der Sport näher gebracht. Besonders in Portugal ist Tennis jedoch ein sehr teurer Sport. Deswegen musste ich und gerade meine Familie sehr viel opfern. Tennis hat mir Fleiß und Dankbarkeit gebracht. Es hat mir auch geholfen, internationale Verbindungen aufzubauen. Sicherlich hat meine Tennislaufbahn mich auch zu dem gemacht, der ich heute bin.

Der Jungreporter: Wie verbindest du deine Tätigkeit als Unternehmer und deine Tätigkeit als Künstler?
Martinho Cruz: Der Typ, der Silentium Project leitet, muss ein Künstler im Kern sein, selbst wenn diese Person im Moment nicht künstlerisch tätig ist. Man braucht diese künstlerische Mentalität. Wir machen unser eigenes Leben zum Kunstwerk.
Was ich für Silentium gemacht habe, wurde ja auch von meinen Kunstwerken inspiriert. Außerdem opfere ich keine Beziehungen für die Arbeit oder irgendwas, das mir manchmal mehr Freude bringt. Die Idee, zu arbeiten und deshalb andere Erfahrungen zu verpassen, kann ich nicht ausstehen. Aber ich bin definitiv kein solcher Firmenführer, der jeden Morgen um fünf Uhr aufwacht. Stattdessen gehe ich einfach mit meinem Flow und mache das, wohin der Wind mich trägt.

Der Jungreporter: Das klingt wie eine wunderschöne Art und Weise zu leben. Trotzdem hast du wahrscheinlich Deadlines, die du erreichen musst und Stress.
Martinho Cruz: Meistens lege ich die Deadlines selbst fest. Manchmal sind sie aber falsch, etwa der 27. Juli für den Relaunch meiner Marke. Es war falsch, überhaupt eine Deadline festzulegen. Das war der stärkste Stress, den ich je in meinem Leben gefühlt habe. Ehrlich gesagt, war es der einzige Zeitpunkt, zu dem ich keine Freude empfunden habe, für Silentium Project zu arbeiten. Ich tat es nicht in dieser künstlerischen Mentalität, sondern unter Druck. Dazu kommt der finanzielle Aspekt. Auch moralisch habe ich sicherlich viel investiert. Zum Teil mag ich den Druck aber. Jetzt, wo der Relaunch vorbei ist, kehrt die Freude zurück.

Der Jungreporter: Danke für das Gespräch!

Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde auf Englisch geführt und nachträglich von uns übersetzt.

Anna Abraham

Anna Abraham - ist häufig auf der Suche. In der Zwischenzeit liest sie gerne oder läuft durch ihre Heimatstadt Hildesheim.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

#ChallengeAccepted

#challengeaccepted - Was steckt hinter dem Trend?

Trump vs. Biden

Es wird eng für Donald Trump

Letzte Beiträge von Kultur