Hörsaal in einer Universität
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Heute auf meinem Nachttisch…”Fehlstart” von Marion Messina

6 Minuten Lesezeit

18 Jahre lang hat Aurelie auf diesen Moment gewartet. 18 Jahre, in denen sie in der Schule geschuftet hat, sich sinnlosen Gesprächen hingegeben  – immer in der Hoffnung auf ihre Studentenzeit mit faszinierenden Kommilitonen, die über philosophische Themen plaudern. Denn sie glaubt an die Gleichheit in Frankreich. Daran, dass sie auch ohne Akademikerhintergrund die Möglichkeit hat, aufzusteigen. Sie ist sich sicher, dass ihr Abitur mehr wert ist als das ihres Bruders, der ohne Anstrengung auf die Nachprüfung gewartet hat. Es waren 18 Jahre, in denen Aurelie in ihrem kleinen Kinderzimmer in Grenoble von der Welt außerhalb geträumt hat. Doch auf den Abschluss folgt ein Sommer der Enttäuschungen. Statt in Lyon Politikwissenschaften zu studieren, hat sie sich in Grenoble für Jura eingeschrieben, das Gehalt ihrer Eltern reicht nicht aus für eine eigene Wohnung. Sie schließt sie sich ein, nährt sich mit der Hoffnung auf die erste Vorlesung.

Doch die lässt sie nur realisieren, dass sie immer noch in ihrer Heimatstadt ist. Umgeben von denselben Leuten mit den gleichen Interessen und einem demotivierten Professor fühlt sie sich verraten. Langsam nähert sie sich dabei Alejandro an, einem bolivianischen Studenten. Für die Franzosen ist er der Exot, für die Bolivianer als Emigrant ein Held, solange er nicht zurückkehrt. In Wirklichkeit hangelt er sich von Teilzeitjob zu Party, vom Studium ist nicht mehr viel übrig. Aurelie ist mehr als bereit, ihn in ihr Leben zu lassen. Sie genießt es, sich begehrt zu fühlen und freut sich über die erfrischenden Gesprächsthemen, die für sie so viel mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben. Langsam fragt sie sich, ob sie nicht einfach zu viel vom Leben verlangt hat. War Politikwissenschaften nicht eh zu hoch gegriffen? Ihr neuer Traum beinhaltet nicht viel mehr als ein Haus, Kinder und Alejandro. So, wie ihre Eltern leben. All das ist aber nur ein Vorspiel auf das, was kommt.

Alejandro, der sich nicht binden möchte, verlässt sie. Ohne Halt wird sie nach Paris geschwemmt und nimmt dort an einer weiteren Farce des Großstadtlebens teil. Als Abiturientin qualifiziert sie sich für einen Job als Empfangsdame und lächelt zukünftig den ganzen Tag. Um beschäftigt zu wirken, ist sie dazu angehalten, auf den Computern Solitaire zu spielen. So besteht ihr Leben Tag für Tag aus Arbeiten. Nach mehreren Monaten in einer Jugendherberge schließt sie sich einem mittelalten Mann an, er bietet ihr einen Platz in seiner Wohnung. Neben ihm im Bett versucht sie das Wort Prostitution zu unterdrücken. Schließlich geht es ihr wie Alejandro. Zumindest ihre Eltern sind stolz auf ihre Tochter, die doch von einem berühmten Hotel angestellt ist.

Marion Messina portraitiert mit einem scharfen Auge die sozialen Verhältnisse in Frankreich. Ihr Buch handelt von einem verzweifelten Kampf gegen die Verhältnisse und um die persönliche Würde. Frühmorgens setzt sich Aurelie in Paris in die Metro, neben ihr eine Gruppe von Menschen, die wie sie keine Zeit für den Montmartre haben. Stattdessen arbeiten sie, um zu überleben.

Manchmal sind die Schilderungen der Enge und Sinnlosigkeit schwer zu ertragen. Vielleicht möchte die Autorin mit der Frustration, die sie erzeugt, genau das tun: Unsere Wut nähren.

Besonderer Tipp: Wer die Webseite der Universität Grenoble aufruft, ist zunächst geschockt. Statt des erwarteten Betonklotzes erblickt man ein schönes Alpenpanorama. Fast überdecken die Berge und neuesten Forschungsmeldungen die Hochhäuser am unteren Bildrand. Trotzdem helfen die Grafiken einem, sich in Aurelis Lebenswelt hineinzufühlen. Der starke Kontrast zwischen der Werbung und ihrer persönlichen Lebenswirklichkeit drückt ihre Einsamkeit aus.

Welchen Ort empfehle ich zum Lesen? Wer selber zwischen 18 und 20 Jahre alt ist und zu Aurelis Generation gehört, den lädt das Buch dazu ein, sich wiederzufinden. Es ermöglicht Fragen, die sonst verschwiegen wären. Deshalb empfehle ich, das Buch in einer Gruppe zu lesen.n

Über die Autorin: Marion Messina wurde 1990 in Grenoble geboren und auch sonst offenbart sie einige Ähnlichkeiten mit ihrer Protagonistin Aurelie. Neben Agrarwissenschaften hat sie Politikwissenschaften studiert und arbeitet nun als freie Journalistin. Auf der Seite des Hanser-Verlages äußert sie sich in einem Interview, dass sie nicht über ihre Figuren urteilt, sondern über die Gesellschaft. Im Hinblick auf Aurelis Leben nach ihrem „Fehlstart“ bleibt sie bei ihrem realistischen Stil: Im Alter von 30 sehe sie die junge Frau als Teil des „Lumpenproletariats“.

Fehlstart von Marion Messina
Das Buchcover von Marion Messinas “Fehlstart”
Foto: Hanser Literaturverlage
  • Autorin: Marion Messina, Übersetzerin: Claudia Steinitz
  • Hanser Literaturverlage, erschienen am 27.01.2020
  • 168 Seiten
  • ISBN 978-3-446-26375-8

Beitragsbild: pixabay.com / Nikolayhg

Anna Abraham

Anna Abraham - ist häufig auf der Suche. In der Zwischenzeit liest sie gerne oder läuft durch ihre Heimatstadt Hildesheim.

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