Trump vs. Biden

Es wird eng für Donald Trump

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10 Minuten Lesezeit

Donald Trump hat schwierige Monate hinter sich. Die Corona-Krise hat er nicht unter Kontrolle bekommen. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten schwächelt weiterhin. Bei der anhaltenden Diskussion um Polizeigewalt und strukturellen Rassismus übernimmt er keine moderierende oder einende, sondern spaltende Rolle. Joe Biden hat mit Kamala Harris eine dynamische Vizepräsidentschaftskandidatin ausgewählt, die ihm zumindest nicht schaden dürfte. Zudem konnte seine Kampagne den Monat August mit Rekordspenden von über 300 Millionen Dollar abschließen.

In 50 Tagen wird gewählt. Stand jetzt liegt Joe Biden national durchschnittlich mit 7 Prozentpunkten vorne, wobei sein Vorsprung kaum fluktuiert – anders als bei Hillary Clinton 2016, die zeitweise sogar hinter Donald Trump lag. In den einzelnen Staaten hat das Rennen neue Dynamiken entwickelt. Es wird also an der Zeit, die “Ratings” für die einzelnen Bundesstaaten auf den neusten Stand zu bringen.

Joe Biden
Joe Biden beim Kickoff seiner US-Präsidentschaftskampagne im Mai 2019 – Foto: Michael Stokes / CC BY

Der Stand der Präsidentschaftswahlen

Virginia (13 Stimmen), Colorado (9 Stimmen) und New Mexico (5 Stimmen) gehörten im Juni alle noch zur Kategorie „wahrscheinlich demokratisch wählend“. Donald Trumps Wahlkampfteam machte sie noch zu Beginn des Wahlkampfs als Target aus. Angesichts neuer Umfragen, die einen zweistelligen Vorsprung für Joe Biden in allen drei Staaten sehen, gibt es keinen realistischen Weg mehr für den Amtsinhaber, diese Staaten zu gewinnen. Sie können ins sichere Lager für Joe Biden eingeordnet werden. 

Pennsylvania und Wisconsin mit ihren insgesamt 30 Wahlleuten waren im Juni noch als komplett offen eingestuft. Seitdem hat keine einzige Umfrage einen Vorsprung Trumps in den Staaten im Mittleren Westen festgestellt. Vor allem bei unabhängigen Wählern, die 2016 noch Trump gegenüber Clinton favorisierten, schneidet Biden, der in Pennsylvania geboren wurde, sehr gut ab. Er ist in beiden Bundesstaaten der leichte Favorit. Gleiches gilt für den zweiten Kongresswahlbezirk Nebraskas mit seiner einen Wahlmännerstimme. 

Donald Trumps Vorsprung in zu den Republikanern tendierenden Staaten ist hingegen evaporiert. In Texas (38 Stimmen), Ohio (18 Stimmen), Iowa (6 Stimmen) und im zweiten Kongresswahlbezirk Maines (1 Stimme) liegt Donald Trump im Schnitt weniger als zwei Punkte vor Joe Biden oder gar hinter ihm. Trump muss alle Wahlleute in diesen Staaten gewinnen, um realistische Chancen auf eine Wiederwahl zu haben. Stand jetzt ist das Rennen komplett offen.     

Des Weiteren droht die „rote Mauer“ aus sicher republikanisch wählenden Staaten Risse zu bekommen. In Missouri (10 Stimmen), South Carolina (9 Stimmen), Kansas (6 Stimmen) und Montana (3 Stimmen) siegten die Republikaner vor vier Jahren mit mindestens 13 Prozentpunkten Vorsprung. In den vier Staaten, die zum Teil seit über 50 Jahren nicht mehr für einen Demokraten als Präsidenten stimmten, ist Donald Trumps Vorsprung auf unter zehn Prozentpunkte zusammengeschrumpft. Zwar ist er weiterhin als Favorit in den vier Bundesstaaten einzustufen, ein Sieg Joe Bidens ist aber nicht mehr gänzlich auszuschließen. 

Präsidentschaftswahlen in den USA 2020 – Welche Chance haben Biden und Trump?

Zusammengenommen käme Joe Biden damit auf 279 Stimmen im Elektorengremium, Donald Trump auf 125. Da man für die Wahl zum US-Präsidenten nur 270 Wahlleute benötigt, wäre Präsident Trump abgewählt. Ex-Vizepräsident Biden ist also klar favorisiert – Er darf sich seiner Wahl allerdings nicht sicher sein. Für September und Oktober sind drei TV-Debatten geplant, durch welche die politische Stimmung zugunsten des Amtsinhabers kippen könnte. Von den 279 Wahlleuten, die zurzeit eher dem Lager der Demokraten zugeordnet sind, gehören 67 zur Kategorie „Tendenz zugunsten Bidens“. Um die Wahl doch noch für sich zu entscheiden, müsste Donald Trump also in allen Swing States (“Was sind Swing States?” wird u.a. im Beitrag vom Juni beantwortet) siegen und mindestens einen mittelgroßen Staat, in dem die Demokraten zurzeit vorne liegen, gewinnen. Das könnte zum Beispiel Minnesota oder Wisconsin sein. Verliert Biden einen größeren Staat, in dem er zum jetzigen Zeitpunkt im Vorsprung liegt, so könnte er dennoch Präsident werden, wenn er nur einen der wahlmännerreichen „lila Staaten“ gewinnt – Sei es Texas, Georgia, Ohio, North Carolina, Arizona oder das stets umkämpfte Florida, wo ihn die Umfragen im Moment leicht im Vorteil sehen. Insgesamt stehen die Chancen, dass Donald Trump abgewählt wird, besser als im Juni. Eine endgültige Prognose ist das noch nicht: In 50 Tagen fließt noch viel Wasser den Mississippi River hinunter. 

Der Stand der Senatswahlen

Auch bei den Senatswahlen, bei der parallel zu den Präsidentschaftswahlen 35 Senatssitze neu gewählt werden, gibt es neue Entwicklungen. Im August musste stand in Kansas noch nicht fest, welcher Republikaner gegen die Demokratin Barbara Bollier antreten würde. Der Kongressabgeordnete Roger Marshall setzte sich bei der Vorwahl gegen den umstrittenen Hardliner Kris Kobach durch. Dass das Rennen trotz dessen nicht in die Kategorie „wahrscheinlich republikanisch“ eingestuft wurde, hat zwei Hauptgründe: Zum einen liegt Bollier gemäß neuer Umfragen nur knapp hinter Marshall, zum anderen haben 75 republikanische Amtsträger aus Kansas – darunter Bürgermeister und Staatsparlamentsabgeordnete – zu ihrer Wahl aufgerufen. Das dürfte ihr im konservativen Staat durchaus helfen.

In Arizona wird es immer wahrscheinlicher, dass der Astronaut Mark Kelly, der für die Demokraten kandidiert, die Republikanerin Martha McSally im Amt ablöst. McSally leistete sich mehrere Patzer im Wahlkampf, sodass Kellys Vorsprung in den Umfragen konstant geblieben oder sogar gewachsen ist; laut einer neuen Umfrage des dem rechten Lager zuzuordnenden Senders Fox News liegt er 17 Punkte vor McSally. Es sieht nicht so aus, als hätte sie noch Chancen, die Stimmung im Staat zu ihren Gunsten zu kippen. 

In Texas schmilzt der Vorsprung des amtierenden republikanischen Senators John Cornyn laut Umfragen hingegen. Machen die Demokraten dort weiter verstärkt Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl – Texas ist erstmals seit Jahrzehnten wirklich umkämpft – so würde sich das auch auf das Rennen um den Senatssitz auswirken. Entsprechend erfolgt die Abstufung von „wahrscheinlich republikanisch wählend“ zu „tendenziell republikanisch wählend“. 

Ein Lichtblick für die Republikaner ist dagegen die als offene Vorwahl (Jungle Primary) durchgeführte Nachwahl in Georgia. Gegen die konservative Senatorin Kelly Loeffler liefen Ermittlungen wegen Insider Tradings, die inzwischen eingestellt wurden. In mehreren Umfragen konnte sich Loeffler stabilisieren. Es wird sehr wahrscheinlich eine Stichwahl geben, womöglich ohne Demokraten – Der republikanische Kongressabgeordnete Doug Collins liegt in etwa gleichauf mit Loeffler, erst dahinter folgen die zwei aussichtsreichen Demokraten Raphael Warnock und Matt Lieberman. Solange nicht einer der beiden von seiner Kandidatur zurücktritt, dürfte es auf daraus hinauslaufen, dass die Republikaner diesen Sitz behalten werden.

Demokraten vs. Republikaner: Die einzelnen US-Bundesstaaten im Überblick

Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner können zurzeit wahrscheinlich mit 48 Sitzen rechnen, wobei die Republikaner bei mehr Sitzen in der Defensive sind. Bei den vier besonders umkämpften Sitzen liegen zurzeit die Republikaner in Montana und die Demokraten in North Carolina sowie Maine vorne, in Iowa befinden sich die Kandidatinnen beider Parteien auf Augenhöhe. Allerdings ist der Vorsprung der respektiven Kandidaten so marginal, dass die vier Staaten noch keinem Lager tendenziell zugeordnet werden können. Das Rennen um den Senat ist also weiter offen; da eine Wahl Joe Bidens aber wahrscheinlicher erscheint als jene Donald Trumps, bräuchten die Demokraten aller Voraussicht nach nur zwei Sitze, um eine „working majority“ zu erreichen, also 50 Sitze. Ein Patt würde dann von der Vizepräsidentin Kamala Harris gebrochen.

Jan Jakob Langer

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