Mit einem politischen Start-up die Demokratie verbessern? Philip Husemann von “JoinPolitics” im Gespräch

Vielen jungen Menschen, fällt es schwer, sich etwa mit bestehenden Parteien zu identifizieren. Das politische Start-up “JoinPolitics” möchte dies ändern. Ein Gespräch mit dem Co-Geschäftsführer.
Philip Husemann, Foto: Frederike van der Stræten
Foto: Frederike van der Stræten

Vielen, besonders jungen Menschen, fällt es zunehmend schwer, sich mit den bestehenden Parteien oder politischen Entscheidungsträgern zu identifizieren. Das politische Start-up JoinPolitics möchte dies ändern und politische Talente mit konkreten Zukunftsideen nach dem Motto „Neue Zeiten brauchen neue Politik“ unterstützen. Nach einem mehrstufigen Auswahlprozess winkt den Nachwuchskräften Unterstützung in den Bereichen Kapital, Know-how und Netzwerk. Im Gespräch erzählt uns Co-Geschäftsführer Philip Husemann, was es mit JoinPolitics auf sich hat, was die Talente mitbringen müssen und welche Ziele das politische Start-up verfolgt. 

Zu Beginn: Kannst du dich und eure Arbeit in wenigen Sätzen vorstellen?

Mein Name ist Philip Husemann und ich bin seit über einem Jahr bei JoinPolitics. Unser Start-up hat sich zum Ziel gesetzt, junge politische Talente zu finden, zu fördern und zu begleiten. Wir suchen dabei aktiv im ganzen Land nach Talenten und nach einem intensiven, mehrstufigen Auswahlprozess erhalten die Besten eine 6-monatige Förderung. Dabei achten wir neben der Persönlichkeit vor allem auf die konkrete politische Idee. Zur Förderung gehört neben finanzieller Unterstützung von bis zu 50.000 beispielsweise auch die Hilfe durch renommierte Coaches, die sogenannten Fellows. 

Die Geschäftsführung und das Talentkomitee sorgen dafür, dass der Auswahl- und Bewerbungsprozess reibungslos verläuft und sich die Talente bei uns gut aufgehoben fühlen. Für uns ist ganz besonders wichtig, dass die Talente die bestmögliche Unterstützung bei der Umsetzung ihrer politischen Ideen bekommen.

Ihr habt euch mit JoinPolitics zum Ziel gesetzt, politische Talente und Ideen zu fördern. Wie kam es zur Gründung und was ist die zentrale Motivation?

Alle Leute, die bei der Gründung dabei waren, haben 2016 ein Horrorjahr erlebt. Wir mussten feststellen, dass Demokratie keineswegs selbstverständlich ist. Wenn man nach Ungarn oder Polen schaut, sieht man, wie die Demokratie sukzessiv abgebaut wird. Mit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps haben wir gemerkt, dass etwas massiv bröckelt. In Folge dessen, waren wir alle motiviert etwas zu tun und sind auf unterschiedlichste Weise aktiv geworden. Auffällig dabei war, dass die meisten nicht in Parteien aktiv geworden sind. Das liegt in meinen Augen daran, dass viele glauben, dass die politische Wirkung, die sie entfallen können, viel größer ist, wenn sie dies nicht in Parteien tun. Daraus resultierend haben sich viele politischen Initiativen zur Demokratiestärkung gegründet. Ich selbst habe Fearless Democracy mitgegründet, wo wir unter anderem HateAid als politische Idee entwickelt haben, inzwischen ein erfolgreiches, überparteiliches politisches Start-up. 

Ein weiteres gutes Beispiel ist Fridays for Future. Dort haben im Kontext der Klimapolitik viele junge Menschen gemerkt, dass es nicht reicht, in eine Partei einzutreten, sondern stattdessen auch auf andere Weise politischer Druck erzeugt werden kann. Der erste Hebel hierbei war, über die Demonstration einen höchstmöglichen politischen Druck zu erzeugen und gleichzeitig eine neue Klimagesetzgebung zu fordern. Ein weiterer Weg war die Klage gegen das Klimagesetz vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Kombination aus beidem, vor allem die Entscheidung durch das Bundesverfassungsgericht, haben schließlich ja ordentlich politischen Impact erzeugt.  

JoinPolitics möchte für all diese Menschen, die politisch aktiv werden wollen und Idee haben, aber noch nicht wissen, wo sie diese verorten können, eine erste Anlaufstelle sein. Durch finanzielle Hilfe unterstützen wir bei den Lebenshaltungskosten und wollen mit den Mitteln den oft ehrenamtlichen Talenten bei der Umsetzung der Ideen helfen. Wir fördern ausdrücklich auch Talente, die in Parteien politisch aktiv sind und hier Ideen umsetzen wollen, denn wir verstehen uns als Partner von Parteien und wollen Brücken bauen zwischen den Parteien und der politischen Zivilgesellschaft.

Was müssen die potenziellen Nachwuchskräfte bei der Bewerbung beachten und welche Kriterien sind bei der Wahl der Talente für euch besonders wichtig?

Alle Interessierten sollten sich zu Beginn erst mal auf unserer Website unter www.joinpolitics.org ausgiebig umschauen. Dort haben wir unter anderem die verschiedenen Förderkriterien aufgelistet. Da wir mit JoinPolitics ein Projekt gestartet haben, dass es in dieser Form noch nicht wirklich gibt, stellen wir uns aber fortlaufend die Frage, was wir in der Talentförderung verbessern können. Die Bewerber brauchen stets eine sehr konkrete politische Idee, bei der sie begründen können, welchen politischen Hebel sie bedienen wollen. Das kann auch eine Kandidatur für ein politisches Amt sein, egal ob parteilos, in einer neuen oder etablierten Partei. Dabei achten wir jedoch darauf, dass die Talente mit ihrer Kandidatur die Umsetzung einer konkreten politischen Idee verfolgen. In unseren Augen braucht es nämlich lösungsorientiertere Politik. Alle Ideen und Lösungsansätze müssen die Bewerber in einem sogenannten „Political Impact-Plan“, der durchaus mit einem Businessplan vergleichbar ist, zusammenfassen. Darin sollen die politische Idee, der Umsetzungsplan und die anvisierten Meilensteine dezidiert dargelegt werden. 

Ein zweites wichtiges Kriterium ist, dass wir in der Bewerbung die klare Motivation sehen, politisch aktiv zu werden und ein klarer Wille und Drive erkennbar ist. Denn Politik bedeutet auch, eine hohe Frustrationstoleranz mitzubringen und einen hohen Arbeitswillen zu zeigen. Die Kombination aus einer „Ich will hier rein Mentalität“ mit einer wertegeleiteten Politik ist wichtig. Am Ende steht daher ein Check, der aus der Person und der entsprechenden Idee besteht. Bewerben können sich allerdings nicht nur Einzelpersonen, sondern sehr gerne auch Teams. Hier sollte allerdings klar werden, wer die politische Führung übernehmen will.  

Ein drittes zentrales Kriterium ist Diversität. Wenn man sich die Demografie im Bundestag oder in anderen politischen Gremien in ganz Deutschland anschaut, merkt man schnell, dass dies nicht die Vielfältigkeit unseres Landes abbildet. Viel zu wenig Mandatsträger oder Bürgermeister in Deutschland sind weiblich oder haben einen Migrationshintergrund. Auf Grund dessen achten wir auf diese Kriterien bei den Bewerbungen sehr genau. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen Selbstzweck. Wir sind überzeugt, dass ganz andere Ergebnisse entstehen, wenn diverse Teams aus verschiedenen Kulturen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Das gilt aber natürlich auch in politischer Hinsicht. Wir verstehen uns als Brückenbauer und die Talente können aus den unterschiedlichsten politischen Richtungen stammen.

In welchen verschiedenen Formen helft ihr den politischen Talenten bei ihrem weiteren Weg?

Nachdem die Förderentscheidung getroffen ist, startet die sogenannte „Onboarding-Phase“, bei der die Talente in das Programm eingeführt werden. Ganz besonders wichtig ist auch, dass sie schnellstmöglich unsere inzwischen 25 Fellows kennenlernen, die im Anschluss die Talente auf unterschiedliche Weise mit ihrer Expertise unterstützen können. Dies geschieht während des JoinPolitics Talent Day, an dem sich einerseits die verschiedenen Talente kennenlernen können und andererseits erste Gespräche mit den Fellows stattfinden. Nach dem Talent Day finden dann beispielsweise Coachings statt oder es geht in die politische Strategieberatung. Auch Politikerinnen und Politiker oder Kampagnenberater wie Julius Van der Laar, der in den Wahlkampf von Barack Obama involviert war, gehören zu den Fellows. Mit Letzterem haben wir beispielsweise über 3 Tage hinweg ein intensives BootCamp veranstaltet, in dem die Talente ihre Kampagne vorbereitet haben und sich im Bereich der Kommunikation weiterentwickeln konnten. 

Vier Talente habt ihr im Rahmen der Bundestagswahl bereits ausgewählt. Was hat euch an diesen besonders gefallen?

Die hohe Diversität gefällt uns bei der Gruppe besonders gut. Denn die politischen Projekte sind äußerst verschieden. Luca Piwodda möchte in Mecklenburg-Vorpommern in den Landtag einziehen und versucht sich mit seiner Partei, die vor allem junge Menschen anspricht, auch auf kommunaler Ebene zu etablieren. Lu Yen Roloff kommt aus dem aktivistischen Bereich und hat Extinction Rebellion mitbegründet. Sie hat für sich erkannt, dass der Aktivismus allein jedoch nicht reicht und kandidiert daher als unabhängige Kandidatin in Potsdam für den Bundestag. Mit der Gründerin von Kitchen Stories, Verena Hubertz, haben wir eine Kandidatin, die an die Kraft der etablierten Parteien, in ihrem Fall an die der SPD, glaubt und dort ihren Drive und ihren Veränderungswillen einsetzen möchte. Sie will in den Bundestag einziehen und dort eine moderne Wirtschafts- und Rentenpolitik vorantreiben, was sie unter anderem mit der Gründung eines gemeinwohlorientierten Staatsfonds erreichen möchte, dem sogenannten Zukunftsfonds 2.0. Das vierte Talent-Team firmiert unter dem Namen DIVERSITRY. Das Gründerteam möchte die Diversität in der Bundesverwaltung, hier vor allem den Bundesministerien, erhöhen. Dies soll durch die Bildung eines breiten politischen Netzwerks sowie durch Vorschläge für ein modernes Diversitätsgesetz erreicht werden.

Welche Entwicklung wünscht ihr euch für die politische Zukunft der Talente?

Wir wünschen uns, dass die Talente ihren politischen Weg erfolgreich gehen und ihre klugen, lösungsorientierten politischen Ideen Wirkung zeigen. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um den Weg handeln, den sie mit unserer Förderung eingeschlagen haben, auch Rückschläge gehören gerade im politischen Wettbewerb dazu. Barack Obama hat beispielsweise vor seiner erfolgreichen Kandidatur mehrmals krachend verloren und sich dadurch nicht entmutigen lassen. Der Worst Case wäre, wenn die Talente der Politik den Rücken kehren und nicht mehr aktiv sind. Der Best Case wäre dagegen, dass Sie mit ihren Ideen erfolgreich sind und wir rückblickend sagen können, dass wir mit unserer Förderung einen Beitrag leisten durften, zu einer lebhaften und innovationsfreudigen Demokratie.

Du bist ebenfalls politikinteressiert und hast ein kreatives Konzept? JoinPolitics veranstaltet zurzeit eine neue Bewerbungsrunde und möchte weiteren Talenten bei der Verwirklichung ihrer Idee helfen. Bewerben können sich alle Interessierten bis zum 15. September 2021. Alle Infos zur Bewerbung: https://www.joinpolitics.org/bewerben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Beiträge