Mädchen am Strand

“Ich muss gehen.”

13 Minuten Lesezeit

An einer Hochschule oder Universität zu studieren wird als Standard unserer und der folgenden Generationen gehandelt; ein „normales“ Leben, eine „gute“ Zukunft sind das Bestreben der Bemühungen. Dank Kindheit und Jugend im behüteten Elternhaus, Mama und Papa, die (mal mehr, mal weniger) finanzielle Unterstützung bieten, bleibt die Studienzeit für einen Großteil der Studierenden die schonende Vorbereitung auf den späteren Berufseinstieg.

Doch was ist, wenn das nicht der Fall ist? Wenn Minderjährige (zeitweise) außerhalb ihrer Herkunftsfamilie untergebracht sind und auch nicht dorthin zurückkehren können oder wollen? Als junge Erwachsene sind sie mit Eintritt der Volljährigkeit schlagartig unabhängig und in der Lage, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Soweit die Theorie. Die Realität sieht anders aus: Brüche in Kindheit und Jugend haben häufig Verzögerung bei Schulabschlüssen und langfristiger Zukunftsplanung zur Folge. Wo soll das Geld zum Leben herkommen, wenn man einen großen Teil seiner Lebenszeit damit verbracht hat, weitergereicht, abgeschoben oder vernachlässigt zu werden?

2017 wurden rund 185.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland in Einrichtungen der Heimerziehung oder in Pflegefamilien betreut.[1] Es gibt keine Statistiken darüber, wie und ob Menschen, die den Übergang von Jugendhilfe ins Erwachsenenalter durchlaufen, soziale Teilhabe gewährleistet wird. Auch auf Bundestagsebene sind Care Leaver, junge Menschen, die die Jugendhilfe verlassen, und deren Unterstützung längst ein Diskussionsthema.[2]


Ich habe mit Annika* gesprochen. Sie ist eine Care Leaverin, einer ebendieser jungen Menschen, die aus Pflegefamilien, Wohngruppen oder anderen Einrichtungen der Jugendhilfe hinaus in die Eigenständigkeit „geworfen“ werden. Sich von einem Tag auf den anderen zu behaupten haben, ohne Unterstützung.

Dass sie in dieser Situation nicht alleine ist, hat sie 2013 in der Gemeinschaft des Care Leaver-Netzwerkes erfahren. Der Careleaver e.V. setzt sich für die Stärkung der Rechte von Care Leavern, für die Auflösung der normativen Eltern-Kind-Beziehung, finanzielle Unterstützung von Care Leavern, mehr Partizipation der Jugendlichen während der stationären Jugendhilfe und der Ermöglichung von Bildungschancen ein.[3]

Als Annika 14 ist, lässt sie sich in Obhut nehmen. Jahre zuvor begannen Hilfeleistungen, die ihr und ihrer Herkunftsfamilie Unterstützung bieten sollten. In Kindheitstagen versorgt ihre kleine Schwester, füttert und wickelt sie. Irgendwann nennt sie Annika „Mama“. Die beiden trennt ein Altersunterschied von fünf Jahren.


Irgendwann nennt sie Annika “Mama”.

In der Schule fällt Annika auf, sie selbst beschreibt sich als „aufgewecktes, wissbegieriges Kind, das sehr große Probleme damit hat, ihre Impulsivität zu kontrollieren.“ Einige Schulstunden verbringt sie auf dem Yogakissen an der Seite des Lehrerpults, als Konsequenz ihrer Auffälligkeiten. Verhaltensregeln einhalten oder Konflikte gewaltlos lösen? Undenkbar für die damals 7-Jährige. Zu Hause wurden Probleme mit Gewalt gelöst, das war für sie nicht falsch oder schädlich, sondern die Realität.

Verantwortung übernimmt sie früh: Als Erstgeborene von fünf Mädchen ist sie besonders in Krisenzeiten nicht nur für ihre Geschwister, sondern auch für ihre Mutter Ansprechpartnerin. Ihr Vater? Ein Schatten am Rande ihres Lebenswegs, der kurz erschien und drei Telefonnummern hinterließ. Bei Kontaktversuchen die Ernüchterung: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“. Dreimal.

Als Annika fragt, warum ihre Mutter und ihr Stiefvater Geld für neue Schlafzimmer-Möbel, aber nicht für Schuhe für die Kinder haben, wird ihr Stiefvater handgreiflich. Er wollte sich doch nicht von einem Kind belehren lassen. Annika wird nicht ernst genommen. „Ich könnte helfen“, sagt sie heute über diese Situation, „aber sie lassen sich nicht helfen.“

Sie wusste, dass ihre Familie anders ist als andere. Dennoch: Die Schuld für familiäre Umstände gibt Annika niemandem. Hintergründe des Handelns ihrer Mutter sind ihr zu großen Teilen bewusst. Hilfe hatte diese sich nie gesucht, eine Entwicklung gab es erst recht nicht. Trotzdem weiß Annika: „Sie haben es nicht extra gemacht.“

„Die einzige Person, die ich wirklich retten kann, bin ich selbst. Und zwar, in dem ich zusehe, dass ich hier verschwinde.“

Als 14-Jährige trifft Annika die Entscheidung, die sie heute als beste Entscheidung ihres Lebens bezeichnet. „Die einzige Person, die ich wirklich retten kann, bin ich selbst. Und zwar, in dem ich zusehe, dass ich hier verschwinde.“ So startet ihr Weg in Unterbringungen fernab ihrer Herkunftsfamilie.

In einer Wohngruppe zu leben war keine Option. Zu sehr sehnte sie sich nach Geborgenheit und Mitbestimmung. Dinge, die die studierte Pädagogin heute nicht nur als Säulen erfolgreicher Jugendhilfe betrachtet, sondern auch in der eigenen Herkunftsfamilie vermisste.

Annika ist eine Care Leaverin, die es „geschafft“ hat. Die sich selbst „gerettet“ hat und jetzt andere junge Menschen, die ähnliche Hürden bewältigen oder kurz davor stehen, unterstützt.

Ihr Werk ist damit nicht getan. Sie studiert Pädagogik der Kindheit, will „die Annikas finden“, die Kinder, die „total kacke sind und sich alle fragen, warum.“ Und ihnen helfen. Beistehen auf dem Weg, auf dem sie Beistand von Menschen wie sich mit offenen Armen empfangen hätte.

Die 28-Jährige teilt ihre Geschichte nicht zum ersten Mal. Hin und wieder schüttelt sie den Kopf, wenn Details der Anekdoten ihre Erzählung durchdringen und in ihr kleine Regungen auslösen. Auf Lächeln folgt Kopfschütteln. Spricht sie über Momente ihrer Kindheit, pressen wir beide die Lippen zusammen und ziehen die Augenbrauen hoch.

Auf das Studium folgen einige Jahre Arbeit in der stationären Jugendhilfe. Nach Bissen, ungewollten Versuchen von Küssen und einem Tritt in ihre Rippen entschließt Annika sich, nicht weiter stationär zu arbeiten. An verschiedenen Stellen unseres Gesprächs betont sie: „Es liegt am Konzept. Du kannst die besten Pädagogen haben und die besten Kinder und Jugendlichen – es funktioniert nicht. Wohngruppen funktionieren nicht.“ Schichtwechsel und Mitarbeiterfluktuation seien Faktoren, die den Kindern nicht das gäben, was sie brauchen: Halt und einen Rahmen.

Auch den Vorschlag eines Kollegen, es gemeinsam „besser“ zu machen, mit besonderen Schulungen und spezialisiertem Personal, lehnt sie ab.
Denn sie entscheidet sich für ein anderes Konzept. Annikas Stimme hebt und senkt sich, als sie in einem Atemzug berichtet, wie ihr Weg zu ihrer sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft (SPLG), war: „Selbstständig machen, Konzept schreiben, dem Landesjugendamt Rede und Antwort stehen, warum ich als 27-Jährige mal eben ein Kind aufnehmen möchte.“ Darauf folgte Ende 2018 ihre Betriebserlaubnis.

Vor der ersten Aufnahme eines Kindes heißt es, „wenn ihr sie nehmt, dann komplett“. Eine dauerhafte Entscheidung, die nach einmaligem Beobachten beim Spielen mit der damaligen Pflegemutter im Café getroffen werden musste. Ist das nicht seltsam? „Ja“, bestätigt Annika, „man findet es vielleicht ganz süß, aber das sagt nichts aus.“

Sie und ihr Partner sagen zu, verbringen Wochen und Monate verbringt mit Rollensuche.

„Wir mussten sie teilweise bestechen und sagen, wenn du zehnmal rutschst, gibt es ein Eis.“

Für das Kind gibt es feste Regeln. „Zu Anfang musste man sie dazu zwingen, Spaß zu haben“, schmunzelt Annika, „Wir mussten sie teilweise bestechen und sagen, wenn du zehnmal rutschst, gibt es ein Eis.“ Das intrinsische Entdecken und Explorieren? Fehlanzeige.

Spricht Annika mit Nicht-Pädagogen über ihren Job, nennt sie sich eine Pflegemutter. Genau genommen ist sie Betreuerin in ihrer eigenen sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft. Auf die Frage, wie und ob Privatleben und Job noch getrennt sind oder sein sollen, sagt sie: „Privates und Job sind nicht mehr getrennt, aber es ist trotzdem mein Job.

Sie dokumentiert, sie ist Pädagogin, keine junge Frau mit unerfülltem Kinderwunsch. Sie löst das bestehende Konzept der Jugendhilfe anders, für sie wertvoller. Durch Stabilität, durch Kontinuität und vor allem durch Professionalität.

„Es ist exakt dasselbe passiert, weil ich wusste, ich werde hier nicht glücklich und es ist nicht in Ordnung und ich kann denen nicht helfen.“

Während wir über ihre Gründe zur Selbstständigkeit sprechen, erkennt sie selbst die Parallelen in der Abkopplung von ihrer Familie und ihrer stationären Tätigkeit. Die Kraft und Erkenntnis, etwas toxisches hinter sich zu lassen und etwas Neues aufzubauen, zieht sich durch ihr Leben. „Es ist exakt dasselbe passiert, weil ich wusste, ich werde hier nicht glücklich und es ist nicht in Ordnung und ich kann denen nicht helfen.“

Es gab einige Momente in unserem Gespräch, in denen ich betroffen war. Noch mehr Momente gab es, in denen ich von Annikas Mut beeindruckt war. Es braucht viel Kraft, um aus dem Gewohnten auszubrechen. Noch mehr, wenn dies ohne Hilfe, vielleicht sogar mit gleichzeitiger Belastung, geschieht. Annika ist eine Frau, die sich kennt. Die für sich einsteht und schon früh einen Sinn dafür entwickelt hat, welche Dinge in ihrer Kraft liegen. Und, die eine große Ressource nicht unterschätzt hat: sich selbst.

Care Leaver sind entgegen mancher Vorurteile oder mancher Berichterstattung nicht die Harry Potters dieser Gesellschaft, die sich verstecken und unter der Treppe leben müssen. Im Gegenteil, sie sind die Harry Potters, die ihre besonderen Fähigkeiten einzusetzen lernen. Noch größer sind die Chancen, wenn ihnen die Unterstützung und Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, die sie längst verdienen. Dafür stehen Annika und ihre Kolleg*innen ein. „Und wenn es nachher nur drei Menschen erreicht, die danach Bescheid wissen.“

Ihr Whatsapp-Status ein Spruch, der, so abgedroschen er klingen mag, kaum besser passen könnte:

Love it, Change it or Leave it.


Vielen Dank für das Gespräch!


*zum Schutz der Protagonistin wurde der Name geändert


Beitragsfoto: privat


Quellen:


Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Studierendenzeitschrift “Trierlog” am 18.08.2020 und erscheint im Rahmen einer Kooperation bei “Der Jungreporter”.

Klara Hofmann

Menschen und ihre Geschichten faszinieren sie. Chefredakteurin der Trierer Studierendenzeitschrift "Trierlog". (Foto: Samuel Grösch)

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