Homburg, Saarland
Das Universitätsklinikum des Saarlandes befindet sich in Homburg (Foto). Hier soll es zu jahrelangen nicht nötigen Behandlungen gekommen sein. - Foto: Der Jungreporter

Missbrauchsskandal an Uniklinik des Saarlandes: Eine Betroffene erzählt

7 Minuten Lesezeit

Letztes Jahr wurde bekannt, dass es am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg zu sexuellen Missbrauchsfällen gekommen ist. Ein Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie soll von 2010 bis 2014 nicht nötige Behandlungen durchgeführt haben. Damals eingeleitete Ermittlungen wurden nach dem Tod des Arztes 2016 eingestellt. Opfer und Angehörige wurden aber erst Mitte 2019 informiert, als die Eltern eines betroffenen Kindes in einer Polizeiwache aus Zufall von der Einstufung als Missbrauchsopfer in der Polizeiakte ihres Kindes erfahren hatten. Doch wie ist es, als junger Mensch persönlich davon betroffen zu sein? Eine Betroffene spricht mit Der Jungreporter über ihre Erlebnisse.

Der Jungreporter: Heute treffen wir uns mit dir. Was ist dir zugestoßen?

Circa 2011 oder 2012 war ich bei diesem Arzt in der Kinderpsychatrie im Klinikum Homburg. Ich fand es schon als Kind sehr unangenehm, dorthin zu gehen. Ich fand es auch richtig komisch und letztes Jahr habe ich erfahren, dass dieser Arzt nicht nur mich, sondern auch andere Kinder missbraucht hat. Das ist das, was mir passiert ist.

Der Jungreporter: Du hast erst letztes Jahr erfahren, dass du ein Missbrauchsopfer bist. Wann ist es passiert und warum hast du es erst letztes Jahr erfahren?

Wie gesagt, ich war von 2011 bis 2012 mehrmals bei diesem Arzt. Ich kann nicht sagen, warum ich es erst 2019 erfahren habe. Meine Eltern wurden nicht informiert, und die Eltern von allen anderen Kindern wurden auch nicht informiert. Erst im Sommer 2019 haben wir es alle erfahren. Ich wusste es circa sechs Jahre lang nicht, es war ziemlich komisch, es so lange nachdem es passiert ist zu erfahren.

Der Jungreporter: Wie hast du dich gefühlt als du es erfahren hast, wie bist du damit umgegangen?

Auf der einen Seite hat es mich schon geschockt. Man muss sich vorstellen, dass wenn man jahrelang nicht weiß was mit einem passiert ist und man es plötzlich erfährt, dass das schon ein Schock ist. Auf der anderen Seite war es aber auch eine Art Erleichterung, weil ich seitdem ich bei diesem Arzt war Angst vor Ärzten habe. Vor allem wenn es darum geht sich auszuziehen und seine Haut zu zeigen. Dadurch wusste ich, woher das kommt, warum ich mich nicht bei Ärzten wohlfühle.

Der Jungreporter: Ist dir schon damals aufgefallen, dass etwas nicht normal ist? Hast du dir das irgendwo aufgeschrieben oder mit deinen Eltern darüber geredet?

Ich habe mir tatsächlich in meinem Tagebuch aufgeschrieben, dass ich es nicht mag, dorthin zu gehen. Aber als Kind merkt man das nicht, ich persönlich dachte, dass das was der Arzt macht, normal sei und dazugehört. Ich weiß, dass ich es auf jeden Fall unangenehm fand und habe das wie gesagt auch in meinem Tagebuch aufgeschrieben. Ich denke nicht, dass ich darüber mit meinen Eltern geredet hab.

Der Jungreporter: Seitdem du das jetzt seit letztem Jahr weißt, mit wem hast du darüber gesprochen?

Ich habe auf jeden Fall mit meinen Eltern darüber geredet und auch mit meiner besten Freundin, da sie auch so etwas Ähnliches erlebt hat. Das wusste ich schon vor Jahren und ich dachte persönlich, dass es eine gute Ansprechpartnerin ist um darüber zu reden, und es hat mir auch gutgetan. Mit meinen engsten Freunden und meiner Familie habe ich darüber geredet, aber ich habe das jetzt nicht rumgesprochen.

Der Jungreporter: Fühlst du dich über die genauen Umstände informiert? Wie weit bist du darüber aufgeklärt?

Ich weiß, dass er im Intimbereich Untersuchungen an mir gemacht hat, die nicht nötig waren und wofür dieser Arzt nicht zuständig war. Ich fühle mich, vor allem, weil ich davon so spät erfahren habe, nicht genug informiert.

Der Jungreporter: Wie gehst du heute mit der Situation um?

Ich gehe eigentlich ziemlich gut damit um. Das Einzige, was bei mir etwas anders ist als bei anderen ist, dass ich jetzt Angst vor Ärzten habe. Ich habe im Alltag aber keine Beschwerden sozusagen.

Der Jungreporter: Kennst du andere Leute, die betroffen sind? Gab es da einen Austausch?

Nein, ich kenne von den anderen Kindern keines persönlich. Soweit ich weiß, gibt es auch keine Gruppe, wo wir uns unterhalten könnten. Ich weiß nur, dass wir alle in dem gleichen Prozess sind. Aber persönlich kenne ich sie nicht.

Der Jungreporter: Jetzt hast du auch im Vorfeld abgewogen, ob du mit uns darüber sprechen möchtest oder nicht. Was möchtest du erreichen?

Ich möchte damit erreichen, anderen zu zeigen, dass es wichtig ist, darüber zu reden. Ich persönlich finde, dass man es nicht merkt. Im Alltag merkt man nicht, wie vielen es passiert. Deswegen finde ich, dass je mehr man darüber redet, desto besser.  Dass vielleicht die Welt sozusagen aufwacht und auch andere Opfer darüber reden können und sich nicht schämen. Denn es ist wirklich nichts, wofür man sich schämen sollte.  

Der Jungreporter: Kannst du anderen jungen Menschen, denen Ähnliches passiert ist, einen Tipp auf den Weg geben, wie man besser damit umgeht?

Bei mir ist es ja ein bisschen anders, weil ich es erst so spät erfahren habe. Ich denke, dass wie ich es schon eben gesagt habe, es wirklich keine Sache ist, wofür man sich schämen sollte. Ich weiß, dass viele Leute gar nicht darüber reden und es selbst nicht ihren Eltern erzählen und es für sich behalten. Ein Rat den ich geben würde, wäre darüber zu reden, sei es mit den Eltern oder Freunden. Egal mit wem, einfach darüber reden, weil es schon etwas sein kann, was das Leben einer Person ändern kann. Das wäre mein Rat.

Der Jungreporter: Danke für das Gespräch und alles Gute!

Dankeschön!

Chefredaktion

Wir sind Fabius Leibrock & Francesco Zimmermann, die Chefredakteure von "Der Jungreporter". Wir als Chefredaktion entwickeln das Magazin stetig weiter. Mail: chefredaktion@jungreporter.de

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