Tower Bridge in London, Foto: Frieda Krukenkamp
Tower Bridge in London, Foto: Frieda Krukenkamp

Vor dem Brexit im Königreich – Auf Stimmungssuche

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Bald ist es soweit und Großbritannien tritt aus der Europäischen Union aus. Für so mancher Brite steigt von Tag zu Tag die Vorfreude, andere wiederum blicken sehr skeptisch und bedauernd dem Tag entgegen.
Ewiges hin und her mit Verhandlungen, trotzdem noch keinen richtigen Plan wie es danach weitergehen soll und die Bevölkerung bleibt gespalten. Großbritannien und die restliche Europäische Union stehen vor sehr herausfordernden und spannenden Zeiten. Wir hier in Deutschland bekommen ja relativ viel in den Medien mit: was Boris Johnson so vorhat, was das Parlament meint, was die EU dazu sagt, Demonstrationen von Brexit-Gegnern und -befürwortern und und und.

Ich weiß nicht wie es euch bis jetzt ging, aber ich kam teilweise gar nicht mehr mit. Aber jetzt wo der Austrittstag immer näher rückt, frage ich mich wie denn so die Stimmung unmittelbar vor Ort ist.

Auf der Suche nach dem Brexit

Ich war zehn Tage im bald „Ex-EU-Land“ unterwegs (mal wieder mit dem Interrailticket, welches ich von einer Verlosung der EU bekommen habe. Welch Ironie..) und habe mir erhofft, die „Brexit-Stimmung“ etwas aufzuschnappen. Aber Fehlanzeige: Ziemlich lange war ich in London, stand vor der 10 Downing Street, habe zu Fuß gefühlt die ganze Stadt erkundet, unterschiedlichste Viertel besucht und habe mir eine Sitzung im Parlament angeschaut. Doch nirgends habe ich was vom Brexit gemerkt, gehört oder gelesen. Nicht an den Bahnhöfen, nicht in Pubs, auf keinem Plakat, nirgends.

Foto: Frieda Krukenkamp

Wieso? Entweder bin ich als Reisender blind durch die Gegend gelaufen, was ich ehrlich gesagt etwas bezweifle, oder ich hatte einfach nur Pech.
Wie dem auch sei, ich denke vielmehr, dass große Teile der britischen Bevölkerung das Wort „Brexit“ nicht mehr hören können und diejenigen, die gegen den Austritt sind, die Situation nun einfach so akzeptieren müssen. Das Verlassen der EU ist jetzt unabwendbar und die ewigen Debatten im Parlament und die Dauerpräsenz in den Medien wurden wohl irgendwann resignierend hingenommen, nach einer gewissen Zeit ist man nur noch genervt. Verständlich.
Aber dass ich noch nicht einmal irgendein Demonstrationsplakat in der „Politikzentrale London“ oder in Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands entdeckt habe, hat mich dennoch etwas verwundert. Vor allem weil in beiden Städten statistisch gesehen eher mehr Brexit-Gegner wohnen, als in den ländlicheren Gegenden.
Wie dem auch sei, ich finde den Brexit sehr bedauernswert, aber gleichzeitig muss man bedenken, dass Großbritannien tatsächlich schon immer ein „Sonder-EU-Staat“ gewesen ist und in vielen Dingen sich sehr von  den restlichen Mitgliedsländern unterscheidet.
Denn eins ist mir in jedem Fall während der Reise aufgefallen: In der UK tickt die Welt aus unserer Sicht wirklich etwas anders.
Der Straßenverkehr läuft andersherum (sehr gefährlich wenn man als Touri die Straße überquert), es wird in Pfund und nicht in Euro bezahlt, man muss bei der Anreise durch eine Sicherheitskontrolle und durch den Zoll, die Busse sind zweistöckig, die Queen ist Staatsoberhaupt und das Bier schmeckt nicht bzw. wird nirgends gut gezapft. Von einem „einigen Europa“ merkt man hier wenig. Verglichen mit meiner großen Europareise vergangenen Herbst, war Großbritannien hinsichtlich Kultur, Land und Leute und Regeln ein ganz anderes Reiseerlebnis. Es ist einfach anders.

Frieda auf Interrail-Reise in Großbritannien – mit dabei: viel Gepäck, Foto: Frieda Krukenkamp

Legitimiert das in irgendeiner Form den EU-Austritt?

Nun ja, ich kann es jetzt zumindest nachvollziehen, wenn die Hälfte der britischen Bevölkerung nichts von der EU spürt und somit diese in Frage stellt. Viele fühlen sich vielleicht vernachlässigt und wollen den politischen Fokus und die Entscheidungsfähigkeit ganz souverän im eigenen Land haben und nicht noch 27 andere Staaten daran mitreden lassen. Aber diesen Wunsch haben bekanntlich heutzutage so einige Staaten. Die Bevölkerung ist nun einmal gespalten, das hat das Referendum 2016 deutlich gezeigt.
Aber nun ist der Brexit nicht zu vermeiden, bittere Realität und ich kann es daher auch verstehen, wenn nun die Bürger Großbritanniens einfach nur noch „get Brexit done“ im Kopf haben. Nichts geht irgendwie voran, alle streiten sich und andere wichtige Themen werden vernachlässigt.
Ich hoffe aber irgendwie auch, dass die zukünftigen Verhandlungen mit der EU so ablaufen werden, dass das Vereinigte Königreich die Nachteile eines Nicht-EU-Mitglieds deutlich zu spüren bekommt.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir als restliche Europäische Union enger zusammenfinden, als dass wir uns weiter voneinander entfernen. Auch hier stehen die Chancen leider 50/50. Es bleibt weiterhin sehr spannend und es gibt noch wahnsinnig viel in Verhandlungen zu klären dieses Jahr. Der 31. Januar wird somit garantiert nicht das Ende der ganzen „Brexitsache“ sein. Nichtsdestotrotz war es eine schöne kleine Reise.

Frieda Krukenkamp

Hey ich heiße Frieda, bin 18 Jahre alt und habe 2019 mein Abitur in Saarlouis gemacht. Ich interessiere mich vor allem für Themen wie Politik, Kultur und Musik und versuche bei „Der Jungreporter“ auch dich damit auf dem Laufenden zu halten. Außerdem reise und fotografiere ich für mein Leben gerne. Studieren werde ich erst Ende des Jahres. Vorher heißt es für mich unter anderem reisen, orientieren und Erfahrungen sammeln.

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