Von der Lagerhalle auf die Straßen: Der Weg der E-Scooter

in Technik/Welt

Seit Juni dieses Jahres sind E-Roller in Deutschland zugelassen. Seither erobern Sharing-Dienste wie Lime, CIRC oder TIER die Großstädte und stellen tausende elektrifizierte Scooter zur Verfügung, die darauf warten, ausgeliehen zu werden. Wir haben das Berliner Start-up TIER zu einem Interview in Mannheim getroffen.

Der Jungreporter: Ihre E-Scooter gibt es mittlerweile in über 30 Städten auf der Welt, darunter Abu Dhabi und Malmö. Seit wann kann man in Mannheim E-Scooter ausleihen?

Matkovic: In Mannheim sind wir seit Anfang August vertreten. In den ersten drei Wochen haben wir unsere Scooter von 100 auf etwa 1000 Stück erweitert.

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Haris Matkovic, City Manager von TIER in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: War es für Mannheim bzw. ist es grundsätzlich schwierig, Genehmigungen von den Städten zu erhalten?

Matkovic: Es gibt Vereinbarungen, die man mit Städten trifft, diese sind von Stadt zu Stadt individuell. Wir haben Vereinbarungen mit den Städten Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen, diese sind zumindest mal als “Spielregeln” zu sehen. Es dreht sich um interne Kommunikation, sprich, was wir dürfen und was nicht, was optimal und was suboptimal ist.

Der Jungreporter: Wie viele E-Scooter stellt TIER hier im Großraum von Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg zur Verfügung?

Matkovic: Insgesamt gibt es etwa 1050 Scooter, davon sind 380 in Heidelberg und 550 – 570 in Mannheim und Ludwigshafen.

Der Jungreporter: Innerhalb welcher Grenzen darf ein E-Scooter genutzt werden und was passiert, wenn man diese Grenzen überschreitet?

Matkovic: Es gibt Grenzen. Unseren Geschäftsbereich nennen wir Business Area. Das sind fest definierte Bereiche, die wir in Zusammenarbeit mit einzelnen Städten festlegen. Dort kann man sich mit 20 km/h frei bewegen. Sobald man aus dieser Zone rausfährt, macht der Scooter eine Geschwindigkeitsdrosselung und man bekommt die Meldung “Achtung, ich fahre aus der Business Area raus”. Da ist auch das Abstellen nicht mehr möglich. Sobald der Scooter langsamer wird, ist das ein Signal, dass etwas nicht stimmt.

Der Jungreporter: Welche Akkuleistung haben die E-Scooter? Wie weit kann man mit einem E-Scooter fahren?

Matkovic: Die Scooter fahren etwa 40 km weit. Bei voller Geschwindigkeit maximal zwei Stunden.

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Ganz schön kaputt: Das passiert, wenn man zu zweit E-Scooter fährt.

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: In Bussen und Bahnen ist die Mitnahme von Fahrrädern erlaubt. Gilt dies auch schon für E-Scooter oder wird darüber noch diskutiert?

Matkovic: Gute Frage. Ich habe noch keinen gesehen, der einen dabei hatte. Theoretisch müsste es erlaubt sein. Praktisch denke ich zumindest, hätten da einige was dagegen. Der Scooter würde aber sofort piepsen, sobald die Räder sich nicht mehr drehen und der Scooter sich trotzdem bewegt.

Der Jungreporter: Was muss der Nutzer beim Parken bzw. bei der Rückgabe eines E-Scooters beachten?

Matkovic: Wir haben gewisse No Parking Zones. Die sind in der App rot dargestellt. Dort kann man die Scooter nicht abstellen. Das sind Vereinbarungen, die wir mit der Stadt getroffen haben. Das sind meistens öffentliche Parks, Bahnhöfe oder Gebäude, an denen zu viel Laufkundschaft ist und die Stadt nicht möchte, dass dort Scooter stehen. Ansonsten kann man überall in der Business Area die Scooter abstellen.

Der Jungreporter: Wie zufriedenstellend ist die Nachfrage für Sie als alleiniger Anbieter hier in Mannheim? Gibt es an bestimmten Wochentagen Stoßzeiten?

Matkovic: Es gibt Stoßzeiten. Am Wochenende auf jeden Fall, und wenn das Wetter gut ist. Es macht sich dann schon 30% über dem normalen Durchschnitt bemerkbar. Stoßzeiten sind bei uns zwischen 6 und 8 Uhr sowie zwischen 17 und 19 Uhr, wo Menschen zur Arbeit gehen oder die Arbeit verlassen.

Der Jungreporter: Können Sie den Ablauf des Einsammelns und Aufladens kurz erläutern?

Matkovic: Es gibt eine eigene App für jeden Ranger, also den Einsammler. Dort wird genau definiert, welche Scooter zu picken sind. Nachts ab 23 Uhr fährt man raus, nimmt die Scooter mit, die man aufsammeln muss, bringt sie zu uns ins Lager und lädt sie dann auf. Das dauert etwa drei Stunden. Diese bringt man danach an fest definierte Orte, die sogenannten Drop Off Points, zurück auf die Straße. Eine Arbeitsschicht ist dann vorbei.

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In dieser riesigen Lagerhalle werden die über 1.000 E-Scooter aufgeladen und repariert.

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: Wie behalten Sie den Überblick über Ihre E-Scooter?

Matkovic: Zum Einen muss man täglich mit unseren System arbeiten. Jeder Scooter hat eine eigene ID und ein eigenes GPS-Signal. Das ist tägliche Arbeit, bei der man eine ganze Menge zu tun hat.

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Mitarbeiter können jeden beliebigen E-Scooter auf den Meter genau zu orten; sei es in Mannheim, Berlin oder Paris. Ein grüner Punkt steht für einen E-Scooter.

Fabius Leibrock

Der Jungreporter: Wie sieht die Preisgestaltung aus?

Matkovic: Es gibt eine Aktivierungsgebühr von 1 €, danach kostet jede Minute 0,15 €. Die Durchschnittsfahrt liegt bei uns zwischen 12 und 15 Minuten, also ca. 2,50 € – 3 €, damit legt man ca. 2 – 3 km zurück.

Der Jungreporter: Wie schätzen Sie die Akzeptanz der E-Scooter unter der Bevölkerung hier in Mannheim ein? Welches Feedback erhalten Sie?

Matkovic: Jeder in meinem privaten Umwelt ist Fan, ich selbst bin Fan. Jeder, der schon mal E-Scooter gefahren ist, findet es cool und es macht Spaß. Die Medien propagieren ein anderes Bild mit einem kritischen Blick, was okay ist, aber die Meinung ist geteilt. Die ältere Generation kann noch nichts mit Scootern anfangen, die Jüngeren finden das eigentlich ganz cool.

Der Jungreporter: Wie gehen Sie mit kritischen Einwänden um, E-Scooter seien nicht umweltfreundlich?

Matkovic: Jede Meinung ist völlig in Ordnung, es wäre ja langweilig, wenn wir alle das Gleiche denken würden. Kritik ist also völlig in Ordnung. Wir stehen am Anfang von einer Mobilitätswende mit Elektroautos, E-Bikes und auch E-Scootern. Ich würde uns allen ein bisschen mehr Zeit geben. Die Schritte, die wir einleiten, werden eine positive Änderung mit sich bringen. Die Situation, wie wir sie gerade vorfinden, dass wir überhaupt über Klima sprechen müssen, liegt daran, dass wir das so machen, wie wir es gerade machen. Deswegen finde ich es schade, wenn sich Unternehmen oder gewisse Gruppen eine Mission setzen, um diesen Zustand zu ändern, dieses jedoch immer direkt schlecht geredet werden muss. In den nächsten Jahren wird es einige Änderungen geben, auch in unserem Geschäftsbereich, sodass klimapositive Effekte eintreten werden.

Der Jungreporter: Wir im Saarland sind in Bezug auf E-Scooter noch verwaist. Haben Sie vor, im Südwesten zu expandieren und welche Städte stehen dabei ganz oben auf Ihrer Liste?

Matkovic: Wir werden expandieren. Eine Liste mit einzelnen Städten ist noch in Ausarbeitung. Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt für uns. Auch im Saarland wird sicher die ein oder andere Stadt mit E-Scootern versorgt werden.

Der Jungreporter: Welche Rolle werden E-Scooter in 10 Jahren haben?

Matkovic: In 10 Jahren werden wir hochwahrscheinlich nicht mehr die Form an Elektro-Scootern haben. Ich denke, der Verkehr wird sich deutlich ändern. Wir werden weitere Fahrzeuge mit Elektroantrieb haben, vielleicht sogar fliegen können? Ist vielleicht jetzt quatsch, aber der klassische Verkehr wird sich ändern. Es wird nicht nur Autos, Motorräder und Fahrräder geben, es wird weitere Verkehrsmittel geben, die E-Scooter sind der erste Schritt in diese Richtung. Wenn wir das erfolgreich implementiert haben, was wir machen werden, dann werden weitere Fahrzeugtypen folgen. Mittlerweile ist es so, dass auf 1.000 Einwohner 550 Autos registriert sind, das sollte sich ändern. Die Anzahl an Autos wird sich meiner Meinung nach dramatisch ändern.

Der Jungreporter: Vielen Dank für das Interview!

Die nächste Stadt steht schon in den Startlöchern: In Kaiserslautern soll schon in Kürze die nächste E-Scooter Flotte ausleihbar  sein. Wann es bei uns im Saarland soweit sein wird, steht noch nicht fest. Wir halten euch auf dem Laufenden!


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